Schüssler

Wissen Sie noch, die Zeit vor dem Internet?

Was haben die Leute gemacht, bevor es Smartphones gab? Ein Autor der Zeitschrift «The Atlantic» stellte im Sommer ernsthaft diese Frage. Seine Erkenntnis: «Niemand kann sich mehr erinnern.»

Dabei gibt es grossartige Möglichkeiten, die Erinnerung wachzuhalten – an die analoge Zeit, als die Menschen sich in fremden Orten mit Stadtplänen orientieren mussten und die Kunst beherrschten, mittels Kursbuch eine Bahnreise zu planen. Eine tolle Anlaufstelle ist der Youtube-Kanal «SRF Archiv» des Schweizer Fernsehens. Dort gibt es nicht nur Videos, die sich um den technischen Fortschritt drehen – aber die, die es tun, sind ausnahmslos grossartig.

Ein Film von 1984 zum bargeldlosen Zahlen ist bemerkenswert: Er zeigt, wie eine aus heutiger Sicht völlige Banalität vor 40 Jahren eine futuristische Angelegenheit war. Nebenbei werden wir daran erinnert, dass das Datensammeln keine Erfindung des Internetzeitalters ist, sondern von den Grossverteilern schon in den 1980er-Jahren mithilfe der Kundenkarten praktiziert wurde.

Diese Archivperle führt uns auch das Minitel vor: Das war ein französischer Onlinedienst, der es erlaubte, übers Telefonnetz ein SNCF-Billett zu kaufen. Das revolutionäre Potenzial dieser Erfindung abseits des Einkaufens hatten die Schweizer Fernsehmacher nicht auf dem Schirm: Was eine Onlineverbindung für die Kommunikation und Informationsvermittlung bedeuten könnte, ging völlig unter.

Auch die digitalen Archive geben einen fassbaren Eindruck des analogen Lebens. Die alten Zeitungen, zu finden unter www.e-newspaperarchives.ch, vermitteln den Eindruck einer gewissen Begriffsstutzigkeit: Der 1984 lancierte Macintosh war in den Zeitungen noch kaum ein Thema, selbst als fleissig Inserate für ihn geschaltet wurden.

In anderen Bereichen herrschte zu viel Euphorie. Die NZZ berichtete am 21. Mai 1973 über eine bahnbrechende Neuheit aus dem Fernmeldewesen. Siemens hatte das Videoset 101 lanciert, ein Bildtelefon. «Im öffentlichen Fernsprechverkehr der Bundesrepublik Deutschland ist nicht vor 1980 mit der Aufnahme eines Bildfernsprechbetriebs zu rechnen», prognostizierte die Zeitung. Nein – denn nebst weiteren vierzig Jahren sollte auch eine Pandemie nötig sein, damit wir uns an Zoom, Facetime und Gespräche vor der Videokamera gewöhnen würden.

Ich habe eine grossartige Zukunftsvision aus der Vergangenheit gefunden. Sie ist am 17. Juni 1966 im «Wir Brückenbauer» (heute «Migros-Magazin») erschienen. Sie beschreibt die Digitalisierung unseres Privatlebens: «Der Kern, das Gehirn und das ‹Gewissen› der Wohnung ist der Heim-Computer, etwa von der Grösse einer Schreibmaschine, der vom Hauseigentümer beigestellt wird, wie heute der Kühlschrank.» Für diesen Heim-Computer würde man keine eigenen «Programmierer» benötigen. Er werde in der Lage sein, «Gedrucktes, Maschinengeschriebenes und selbst halbwegs leserliches Handschriftliches lesen und selbst ‹übersetzen› können.»

Dieser Computer führt das Haushaltsbudget. Er regelt wie das Smarthome heute Beleuchtung und Klima, und er sorgt für mediale Unterhaltung – Netflix und Spotify lassen grüssen. Nicht alles ist akkurat. Der (nicht namentlich genannte) Autor hatte auch die Vorstellung, der Computer würde vorgekochte Speisen automatisch und pünktlich zum Zmittag und Znacht auf den Familientisch bringen.

Aber das kommt vielleicht noch. Es bleibt die Lehre, wie sehr es sich lohnt, sich ans analoge Leben zurückzuerinnern. Und uns darüber zu wundern und zu freuen, wie damals die Zukunft ausgesehen hat, in der wir heute leben.

Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

Quelle: Sonntagszeitung, Sonntag, 31. Dezember 2023

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