Der Pioniergeist ist erlahmt

25 Jahre Google Die Gründer der Suchmaschine haben bereits 1997 gross gedacht. Wie sie danach zu Generalunternehmern wurden, ist ein Musterbeispiel an Machtausbau.

Matthias Schüssler

1 Von Backrub zu Google

Wie findet man sich im World Wide Web zurecht? 1994 ist die erste Orientierungshilfe eine Art Zettelkasten, wie wir ihn aus der Bibliothek kennen: Das «Yahoo! Directory» erschliesst das Web nach Kategorien wie Kunst und Geisteswissenschaften, Nachrichten und Medien oder Freizeit & Sport. Für eine spezifische Information mussten wir uns durchs Verzeichnis klicken, um irgendwo mit Glück fündig zu werden.

Wie es komfortabler geht, zeigten uns die ersten Suchmaschinen: Altavista ab Ende 1995 und Hotbot ab 1996. Sie erfüllten den Zweck, konnten einem Konkurrenten aber nicht lange standhalten: Google wurde am 4. September 1997 gegründet und überzeugte durch die simple Startseite, durch die Schnelligkeit und vor allem durch den Pagerank-Algorithmus: Er gewichtet bis heute die zu den Suchbegriffen passenden Websites anhand der Anzahl und der Qualität der Links, die auf sie verweisen.

Die zwei Informatiker Larry Page und Sergey Brin hatten diese Methode an der Stanford University in Kalifornien entwickelt. Diese Suchmaschine hiess ursprünglich Backrub (Rückenmassage), weil die «Backlinks», also die auf eine Quelle zeigenden Verknüpfungen, das Kernelement waren. Das neue Unternehmen nannte sich nach dem Begriff für eine 1 mit hundert Nullen, dem Googol, und er zeugt von den Ambitionen der Gründer, die ganzen Datenmengen des jungen Web zu erschliessen – wie gross das auch werden würde.

2 Von der Suchmaschine zum Generalunternehmer

Schon Anfang des neuen Jahrtausends mauserte sich Google zur dominanten Suchmaschine: nicht nur weil der Algorithmus laufend verbessert wurde, sondern auch aufgrund geschickter Kooperationen. Viele Konzerne lizenzierten die Technologie.

Etwas kalauerig schrieb das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Cash» im August 2000: «Viele Rosinen stecken im Google-Hopf» und sprach von mehr 80 solchen Deals. Yahoo setzte auf Google-Technologie, aber auch der in dieser Zeit weltgrösste Internetprovider AOL. Der Beitrag erklärt auch, wie die beiden Gründer das Potenzial ihrer Erfindung selbst wohl unterschätzt hatten. Andere im Silicon Valley hatten das jedoch erkannt: Sun-Microsystems-Mitbegründer Andy Bechtolsheim gab ihnen 1998 bei einem Besuch einen Check über 100’000 Dollar mit, weil sie «etwas Geld gebrauchen könnten».

In den Nullerjahren bewiesen Page und Brin ein untrügliches Gespür für erfolgreiche Produkte: 2003 lancierten sie Gmail, 2005 übernahmen sie das ursprünglich für Digitalkameras gedachte Betriebssystem Android, sie starteten Google Maps. 2006 kamen Docs, Calendar und Youtube dazu. Und 2008 landete der Konzern mit der Lancierung des eigenen Browsers Chrome einen Coup – und sie schafften es, binnen vier Jahren den dominanten Internet Explorer zu entthronen.

Ein wichtiger Meilenstein für den Erfolg war der Börsengang 2004. Das Geschäftsmodell funktioniert bis heute: Mit Adwords können Unternehmen und Organisationen selbst Werbung in der Suchmaschine und auf vielen Websites schalten und die gezielt ausspielen. Google hat eine enorme Nutzerbasis und detaillierte Informationen über jeden einzelnen User.

Um Google kommt niemand mehr herum – aber auch die Kritik der Datenschützer wird lauter. Beim Börsengang fordern sie mehr Transparenz ein, doch der Konzern zeigt sich wenig offen für diese Anliegen. 2010 sammelt er nicht nur Daten zu Streetview, sondern auch zu privaten WLAN-Netzen. Und auch die sozialen Netzwerke Google+ und Buzz mehren die Befürchtungen, es könnten sich noch mehr sensible Daten von Nutzerinnen und Nutzern auf den Servern des Unternehmens ansammeln.

3 Das Prinzip von Versuch und Irrtum

Bei manchen Produkten beweist Google einen eindrücklich langen Atem. Youtube zum Beispiel: Bei den hohen Betriebskosten und den fehlenden Einnahmen haben sich viele Experten lange Zeit gefragt, warum sich der Konzern ein so teures Hobby leistet.

Erst 2020 gab es erstmals Zahlen: Sie zeigten, dass die Videoplattform im Vorjahr 15 Milliarden Dollar Einnahmen generierte und mit 10 Prozent an Googles Umsatz beteiligt war. Drei Jahre später, 2022, hat er sich mit 29,24 Milliarden fast verdoppelt. Für Google hat sich die Beharrlichkeit gelohnt, doch Nutzerinnen und Nutzer müssen heute auch häufige Unterbrecherwerbung in Kauf nehmen oder fürs Premium-Abo bezahlen.

In vielen anderen Bereichen war es mit Googles Geduld nicht weit her: In den Zehnerjahren wurden viele Produkte lanciert und nach Jahren oder auch bloss Monaten wieder eingestellt: Ob Picasa und Panoramio aus dem Fotobereich, der revolutionäre E-Mail-Ersatz Wave, die Social-Media-Plattformen Buzz, Orkut und Google+, Google Reader zum Sammeln von News oder zuletzt der Cloud-Gaming-Dienst Stadia – die Liste der gescheiterten Projekte ist lang.

Seit 2020 ist die Experimentierfreude dahin: Es gibt kaum mehr neue Produkte. Stattdessen festigt der Konzern sein Kerngeschäft. Und er sorgt dafür, dass sich das auch finanziell lohnt. Für uns Nutzerinnen und Nutzer bedeutet das das Ende der Gratismentalität. Bei Google Fotos ist es seit dem November 2020 vorbei mit dem kostenlosen unbeschränkten Speicher. Wer mehr als 15 GB benötigt, muss dafür bezahlen.

4 Die KI bringt Google in Verlegenheit

Die Revolution der künstlichen Intelligenz (KI) hatte das sonst so weitsichtige Unternehmen offensichtlich überrascht: Zwar setzt Google die Techniken des maschinellen Lernens bei seinen Produkten seit Jahren routinemässig ein, sei es bei der Verschlagwortung von Fotos, bei den Spamfiltern in Gmail oder dem Übersetzer Google Translate.

Doch dem durch Chat-GPT ausgelösten Technologiesprung hat Google bislang so wenig entgegenzusetzen, dass der Ruf als Innovator gefährdet ist. Viele fragen sich, ob die Suchmaschine bald durch die Antwortmaschine abgelöst wird. Google versuchte zwar, diesem Eindruck durch eine eigene Entwicklung entgegenzuhalten. Doch im direkten Vergleich ist Google Bard der Konkurrenz deutlich unterlegen.

Wenn es nach Bill Gates geht, müssen wir nicht nur Google, sondern auch Amazon abschreiben: Denn wenn die KI die Rolle des persönlichen Assistenten übernimmt, «dann werden Sie nie wieder auf eine Suchseite gehen, eine Produktivitätsseite verwenden oder Amazon besuchen», sagte er im Mai an einer von Goldman Sachs und SV Angel ausgerichteten Veranstaltung.

Wie gross die Gefahr ist, bleibt abzuwarten – Google jetzt schon abzuschreiben, wäre verfrüht: Microsofts aggressive Strategie, mit Bing Chat dem Konkurrenten das Geschäft streitig zu machen, blieb bislang ohne nennenswerten Erfolg.

Larry Page (links) und Sergey Brin 2003 am Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien: Fünf Jahre nach der Gründung ist Google bereits die Suchmaschine Nummer 1. Foto: Kim Kulish (Getty)

Um Google kommt niemand mehr herum – aber auch die Kritik der Datenschützer wird lauter.

Quelle: Tages-Anzeiger, Mittwoch, 13. September 2023

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