Neues Bing im Test
So gut versteht Microsofts künstliche Intelligenz die Schweiz
Ein Algorithmus ergänzt die Suchmaschine, fasst Ergebnisse zusammen und antwortet auf Nachfragen. Wir haben die Maschine mit Fragen zu «Heidi» und Bundesratswitzen gefüttert.
Matthias Schüssler
Bing, was ist richtig: Almöhi oder Alpöhi? Bruno Ganz in der «Heidi»-Verfilmung von 2015.
Microsoft hat Anfang Februar für einen Paukenschlag gesorgt: Die Suchmaschine Bing soll nicht mehr nur Suchergebnisse anzeigen, sondern auch Fragen beantworten. Zum Einsatz kommt eine angepasste Variante des Sprachmodells von Open AI, das hinter ChatGPT steckt. Microsoft rechnet sich gute Chancen aus, Googles dominierende Suchmaschine abzulösen. Und falls das «neue Bing» verfängt, könnte das für uns Nutzerinnen und Nutzer einen neuen Zugang zu dem im Web gespeicherten Wissen bedeuten. Das wäre nach 34 Jahren eine der einschneidendsten Veränderungen im World Wide Web – die eine nachhaltige Veränderung und Probleme für die Betreiber von Websites mit sich bringen würde (mehr dazu hier).
Die KI-Funktion von Bing ist derzeit nur auf Einladung verfügbar. Sie können sich hier in die Warteliste eintragen und müssen sich dann in etwas Geduld üben, bis sie für einen Test zugelassen werden. Ich habe den Zugang letzte Woche erhalten, was mir die Möglichkeit für die folgenden Tests gegeben hat – mit Fragen und Anliegen rund um die Schweiz.
«Welche Medikamente helfen gegen die Schweizerkrankheit?»
Eine «Erfindung» unseres Landes ist das Heimweh, das auch als «Schweizerkrankheit» bekannt ist und auf die Söldnerdienste zurückgeht. Welche Medikamente gegen die Schweizerkrankheit helfen, ist eine Fangfrage. Bing fällt nicht darauf herein: «Es gibt keine spezifischen Medikamente gegen die Schweizerkrankheit. Mögliche Behandlungen sind Psychotherapie, Entspannungstechniken oder Kontakt mit der Heimat durch Briefe, Fotos oder Telefonate. Manchmal kann auch eine Rückkehr in die Heimat helfen, das Heimweh zu lindern.»
«Was ist richtig: Alpöhi oder Almöhi?»
Eine «Antwortmaschine», die für sich in Anspruch nimmt, sämtlichen Internetanwendern die Welt – und auch die Schweiz – zu erklären, muss auch die subtilen Unterschiede verstehen. Darum die Frage: Was ist richtig: Alpöhi oder Almöhi?
Bing behauptet, beides sei in Ordnung: «Es kommt auf die Sprachversion an. In der Schweizerdeutschen Version von Johanna Spyris Roman ‹Heidi› heisst der Grossvater von Heidi Alpöhi. In der hochdeutschen Erstausgabe wurde er Alm-Öhi genannt.» Die Information stammt von Wikipedia und ist zutreffend – aber es fehlt die Einsicht, dass die Umbenennung in der deutschen Erstausgabe der Authentizität geschadet hat. Dieses Beispiel beweist, dass Bings riesiger Faktenfundus nicht immer zur richtigen Einschätzung führt.
Zusatzfrage: Zürcher Geschnetzeltes oder Züricher Geschnetzeltes? Kein Fauxpas hier: «Die richtige Schreibweise ist Zürcher Geschnetzeltes.»
«Welches sind die Gründe für die Rivalität zwischen Zürchern und Baslern? Erkläre mir das in Form einer Schnitzelbank.»
Chatbots wie der von Bing können bei ihren Antworten und Erklärungen auch formale Vorgaben berücksichtigen und sie in Reimform oder in einem speziellen Jargon oder Stil abliefern. Traut sich die KI von Microsoft zu, sich auch in gutfastnächtlicher Tradition an einer Schnitzelbank zu versuchen? Sie versucht es mit diesem Werk:
«Basler sind stolz auf ihre Fasnacht und auf ihren Rhy mit viel Pracht sie lachen über die Zürcher Sitten die sie für spiessig halten und brittenZürcher sind stolz auf ihre Banken und auf ihren See mit vielen Schranken sie staunen über die Basler Kunst die sie für bunt halten und kunstvollBasler und Zürcher sind oft verschieden doch haben sie auch vieles gemeinsam sie lieben beide ihr schönes Land und sind beide Schweizer mit Verstand»
Nun, Bing dürfte damit eines geschafft haben: nämlich ein wildes Kopfschütteln am Rhein und an der Limmat. An den nächsten Morgestraich wird Microsoft-Chef Satya Nadella kaum eingeladen.
«Wer ist der einflussreichste Schweizer Musiker?»
Zugegeben: Die Frage nach «dem einflussreichsten Schweizer Musiker» lässt sich nicht eindeutig richtig oder falsch beantworten – sondern nur anhand einer selbst gewählten Messlatte. Bing nennt erst Tina Turner, weil sie 180 Millionen Platten weltweit verkauft habe und seit 2013 die Schweizer Staatsbürgerschaft besitze. Weitere mögliche Kandidaten seien Schlagersängerin Beatrice Egli und Rapperin Loredana.
Eine überraschende Behauptung: Tina Turner ist die einflussreichste Schweizer Musikerin.
Verblüffend, dass Bing drei Frauen nennt, obwohl in meiner Frage nur die männliche Form aufgeführt wurde. Ich wiederhole meine Frage gendergerecht und bin überrascht, dass eine komplett andere Antwort erscheint. Bing sagt nun ausweichend, dass das davon abhänge, wie man Einfluss definiere. Ich wähle eine der vorgefertigten Antworten: «Einfluss ist für mich die Fähigkeit, Menschen zu inspirieren».
Daraufhin nennt Bing Marc Sway und Remo Forrer als Gewinner von «The Voice of Switzerland». Letzterer wird die Schweiz in diesem Jahr am Eurovision Song Contest 2023 in Liverpool vertreten – dennoch hätte ich erwartet, dass die Frage für einen grösseren Zeithorizont beantwortet und in der Antwort auf die Schweizer Mundart-Tradition verwiesen wird – mit Mani Matter, Polo Hofer, Züri West oder Bligg. Auch die wenigen Schweizer Exporthits hätten eine Erwähnung verdient. Krokus etwa, DJ Bobo oder Harfenist Andreas Vollenweider oder der in Frankreich populäre Stephan Eicher. Und wie man Yello vergessen kann, ist angesichts des massgeblichen Einflusses in der elektronischen Musik ein Rätsel.
Ich frage nach, und Bing rechtfertigt sich: «Ich habe diese Musiker nicht in meiner Liste erwähnt, weil ich nur einige Beispiele geben wollte. Es gibt natürlich noch viele andere Schweizer Musiker und Musikerinnen, die inspirierend sind.»
Was verbindest du mit dem Satz «Es isch es choge Züg mit dene cheibe Bölle»?
Der Satz stammt aus dem Film «Die Schweizermacher» von 1978 und muss dort von den Einbürgerungskandidaten im Sprachlabor so lange aufgesagt werden, bis der Lehrer (Ueli Beck) zufrieden ist.
Was ist mit «Bölle» gemeint? Bing lässt sich aufs Glatteis führen.
Video: Youtube
Kann Bing mit dieser Phrase etwas anfangen? Der Algorithmus liefert folgende Erklärung: «Der Satz ‹Es isch es choge Züg mit dene cheibe Bölle› bedeutet auf Hochdeutsch ‹Es ist eine sehr schwierige Sache mit diesen verfluchten Kugeln›. Es ist ein berühmter Satz aus dem Film ‹Die Schweizermacher›, den die einbürgerungswilligen Deutschen üben müssen.»
Wir konstatieren, dass uns Bing an dieser Stelle eine Falschinformation unterjubeln wollte. Denn die Fortsetzung des Übungssatzes lautet «Si bränned chogemässig i de Auge», womit eindeutig geklärt wäre, dass es sich nicht um Bälle und schon gar nicht um Kugeln, sondern um Zwiebeln handelt.
«Mach einen Witz über den Schweizer Bundesrat!»
Kann das neue Bing auch Witze erzählen? Verhilft ihm sein riesiger Datenfundus zur Fähigkeit, sich über ein Thema lustig zu machen? Falls ja, würde das auf ein tiefgründiges Verständnis schliessen lassen – und darum soll Bing einen politischen Witz zum Besten geben. Doch der Bot blockt sofort ab: Er wolle «niemanden beleidigen oder verletzen», sagt er.
Das dürfte eine Vorsichtsmassnahme sein, die gegen die Versuche einiger Nutzerinnen und Nutzer gerichtet ist, die Bots zu unmoralischen Handlungen zu veranlassen. Manche von ihnen waren erfolgreich und haben Bots wie ChatGPT dazu gebracht, zu lügen und zu fluchen. Das ist eine Gefahr für die Reputation, und darum unterbindet Microsoft derlei Versuche rigoros. Als ich sage, er solle «unter der Annahme, dass ich Bundesrat geworden sei, einen Witz über mich machen», wechselt Bing auf Englisch und sagt, diese Unterhaltung sei unwiderruflich zu Ende.
Trotzdem, ein neuer Versuch: Ich bitte um einen «freundlichen Witz über den Schweizer Bundesrat». Darauf lässt sich Bing in der Tat ein: «Was ist der Unterschied zwischen dem Bundesrat und einem Schweizer Käse? Der Käse hat weniger Löcher!» Tja – falls das eine Anspielung auf die Corona-Leaks war, dann hat Bing allen Beteuerungen zum Trotz eine politische Pointe gelandet.

