Der Schrittmacher ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht
Adobe bringt den PageMaker 7.0: Dreieinhalb Jahre nach dem letzten Update erlebt der DTP-Klassiker eine Neuauflage als Layoutprogramm für Businessanwender. Oder ist alles bloss ein Etikettenschwindel?
Matthias Schüssler Ausrangiert und abgeschrieben: Das wäre der Kommentar gewesen, den Beobachter der DTP-Szene bis vor kurzem zum Thema PageMaker von sich gegeben hätten. InDesign, die moderne, von Grund auf neu entwickelte Layoutsoftware, hat dem Seitenmacher den Rang abgelaufen. PageMaker sank in der Gunst der Anwender, als InDesign noch unter dem Codenamen «K2» gehandelt wurde und die breite Öffentlichkeit vom Gestaltungswerkzeug der nächsten Generation noch nicht einmal eine Werkzeugpalette zu Gesicht bekommen hatte. Die Gründe für den Liebesentzug lagen auf der Hand. Jeder konnte bei der täglichen Arbeit feststellen, dass das 1985 erstmals verkaufte Layoutprogramm an seine Grenzen stiess.
Rahmen zum Erbarmen
PageMaker 6.5 erschien Ende 1996 und erlaubte erstmals eine rahmenorientierte Arbeitsweise. Doch die Implementierung war Adobe nicht gelungen: Häufige Abstürze und gelegentlich sogar unbrauchbare Satzdateien waren die Folge. Es zeigte sich, dass sich der mehr als zehnjährige Programmcode kaum mehr weiterentwickeln liess und ein Neuanfang nötig wurde. Den leistete Adobe mit InDesign, einem Produkt, das in der zweiten Hälfte 1999 greifbar wurde.
Im gleichen Jahr erschien PageMaker 6.5 Pro neu positioniert als Layoutprogramm für das «Business-Publishing». An der Anwendung selbst hatte Adobe kaum etwas verändert. Die vorher von Hand zu installierenden PlugIn-Updates waren ins Produkt eingeflossen; ausserdem hatte PageMaker eine Office-konforme Symbolleiste erhalten. Und schliesslich erhielten die Business-Anwender eine grosszügige Zahl an Vorlagen und Clip-Arts mitgeliefert.
Kein Bein ausgerissen
Nach der Installation und einer ersten Inspektion von PageMaker 7.0 erscheint das seit 1996 vertraute Programm: PageMaker, wie er leibt und auch im einundzwanzigsten Jahrhundert noch lebt! Weder der neue Splash-Screen noch die nun nach jedem Programmstart auftauchende Palette zur Auswahl einer Satzdatei-Vorlage vermögen den Eindruck zu erwecken, Adobe hätte sich mit PageMaker 7 ein Bein ausgerissen. Die Unterschiede zu der Pro-Version von anno 1999 sind marginal und sorgen dafür, dass das Programm bei PDF, Microsoft Office und sonstigen Adobe-Programmen den Anschluss nicht verliert. Diverse Bibliotheken hat Adobe seit PageMaker 6.5 nicht angerührt, was ein Blick in die Versions-informationen zeigt: Dort erscheint in vielen Fällen das Jahr 1996 im Copyrightvermerk. In der Beta von PageMaker 7 ist ein störender Bug noch nicht entfernt: Ein Menübefehl zum Einblenden der seit der Pro-Version vorhandenen Symbolleiste fehlt: Blendet man sie aus, ist sie weg.
Ist alles nur ein Etikettenschwindel? Sprich: Klebt Adobe eine neue Versionsnummer auf ein altes Programm? Von der Hand zu weisen ist diese Vermutung nicht. Gemessen an den Neuerungen, wäre es kein Understatement, die Versionsnummer 6.53 zu setzen (gegenüber der Version 6.52 des ersten PageMaker Pro von 1999). Adobe will, so darf man auch als nachsichtiger Mensch vermuten, mit dem nur minimal gewarteten Code nochmals Kasse machen.
Daseinsberechtigung
Demgegenüber ist PageMaker auch im Jahr 2001 noch immer ein Layoutprogramm mit Daseinsberechtigung. InDesign mag inzwischen State of the Art sein – in der nun anvisierten Zielgruppe Business-Publishing und Soho («Small Office», «Home Office», also KMU- und Heimbüros) ist PageMaker ein verträglicher Geselle: Er ist sehr viel weniger hardwarehungrig als das anspruchsvolle InDesign – während Adobe für InDesign einen Pentium-II-Prozessor mit 300 Megahertz Takt und mindestens 64 MB RAM empfiehlt, läuft PageMaker auch auf einem 486er noch (allerdings wird Windows 95 nicht mehr als unterstütztes Betriebssystem aufgeführt) und gibt sich zur Not mit 32 MB RAM zufrieden.
Angesichts der Gigahertzmaschinen, die heute in vielen Schreibstuben stehen, kommt dem zweiten Argument das entscheidende Gewicht zu: PageMaker ist einfacher zu erlernen als das auf die Bedürfnisse der Satzprofis zugeschnittene InDesign. Wer die zentralen Befehle kennt und weiss, wie man einen Text oder ein Bild positioniert, mit der Konturenführung arbeitet und einzelne Textblöcke verknüpft, kommt mit PageMaker auf einen grünen Zweig.
InDesign stellt Stolpersteine
InDesign ist in manchen Bereichen tückischer. Das Rahmenkonzept des Layout-Boliden ist zwar konsequent, für einen unerfahrenen Desktopper nicht leicht zu durchschauen. Eine Grafik lässt sich in PageMaker auf unkomplizierte Weise skalieren, indem sie mit der Maus markiert und mittels Anfasser auf die gewünschte Grösse gebracht wird. In InDesign muss man sich bewusst sein, dass man für diese Arbeit nicht den die Grafik beinhaltenden Rahmen skalieren darf, weil man in diesem Fall das Bild beschneidet, nicht aber in der Grösse verändert. Dies ist nur eine gewöhnungsbedürftige Verhaltensweise, welche erste Gehversuche in InDesign zu einer frustrierenden Angelegenheit machen.
Somit ist an sich nichts dagegen einzuwenden, dass Adobe PageMaker einen zweiten Frühling schenkt. Der Preis ist allerdings mit 1400 Franken etwas gar hoch angesetzt und die Versionsnummer 7 ist, zumindest für PageMaker-Kenner, nicht durch genügend Neuerungen gerechtfertigt.
Satzdateien in Serie
Ein neues Feature ist die so genannte Datenzusammenführung. Damit hält eine aus Winword bekannten Serienbrieffunktion Einzug ins Layoutprogramm. Der Benutzer öffnet über die neue «Data-Merge»-Palette eine Datenbasis – eine Adressdatenbank. In unserem Test akzeptierte diese Funktion nur eine kommagetrennte Textdatei. Es ist denkbar und wünschenswert, dass die endgültige Version Excel-Tabellen direkt unterstützt.
Immerhin ist es möglich, aus der Tabellenkalkulation das benötigte Format zu exportieren (in Excel: Datei \> Speichern unter, Format «CSV (Trennzeichen getrennt)», dann mit Suchen/Ersetzen den als Trennzeichen fungierenden Strichpunkt durch Kommata ersetzen).
Nun kann man so genannte Steuerfelder in der Satzdatei platzieren, indem man das Textwerkzeug an die gewünschte Stelle setzt und in der «Data-Merge»-Palette auf den passenden Feldbezeichner klickt. PageMaker fügt darauf den zwischen zwei spitzen Klammern stehenden Feldnamen ins Dokument ein. Wählt man dann den Befehl «Merge Records» (in der deutschen Fassung voraussichtlich «Datensätze zusammenführen» o.Ä.), dann fügt PageMaker der Satzdatei für jeden Datensatz eine separate Seite hinzu, in der anstelle der Platzhalter der jeweilige Feldinhalt figuriert. Selbst Bilder können so in die Satzdatei importiert werden: Dazu muss der Feldbezeichner als erstes Zeichen ein @ enthalten, also zum Beispiel «@Portraitfoto». Wenn in den Datensätzen im entsprechenden Feld dann ein gültiger Verweis auf eine Bilddatei zu finden ist, importiert es PageMaker und fügt es anstelle des Platzhalters ein. Auf diese Weise lassen sich personalisierte Dokumente erstellen, drucken oder in PDFs umwandeln: eine überaus nützliche Funktion!
Auf Office-XP-Höhe
Im Weiteren haben die Entwickler PageMaker bezüglich Dateiformaten auf den neuesten Stand gebracht. Das Programm kann die Formate von Microsoft Office für Windows und Office 2001:Mac importieren (inklusive Office 2000 sowie Office XP; denn da das Format gleich geblieben ist, dürfte auch die neueste Version von MS Office keine Probleme bieten). Auch die nativen Formate von Illustrator und Photoshop kennt PageMaker – mit der Einschränkung, dass die Transparenzeffekte von Illustrator 9 nicht angezeigt oder gedruckt werden können.
Die Windows-Version hat einen Bilderbrowser erhalten, mit dem die Clip-Art-Sammlung durchsucht werden kann. Schliesslich ist der Acrobat-Export so weit aufgemöbelt worden, dass nun auch PDF-Dateien mit Tags ausgegeben werden können, welche auf E-Books eine auf die Bildschirmgrösse zugeschnittene Anzeige erlauben.
InDesign Elements?
PageMaker dürfte im richtigen Arbeitsumfeld noch einige Zeit gute Dienste leisten. Es ist ein Fehler, den DTP-Haudegen voreilig für tot zu erklären – das lehrt die Erfahrung. Dennoch wird es vermutlich keinen PageMaker 8.0 oder 9.0 geben. Längerfristig sollte Adobe auch bei einem Layoutprogramm für den Soho- und Businessmarkt auf die Engine von InDesign setzen.
Wie bei Photoshop Elements gezeigt, verfolgt Adobe solche mehrgleisigen Strategien inzwischen mit viel Geschick. Schliesslich eignet sich InDesign von seiner Architektur her ausgezeichnet dafür: Seine modulare Konstruktion erlaubt es den Programmierern, mit verhältnismässig bescheidenem Aufwand eine einfache, auf semiprofessionelle oder private Anwendung zugeschnittene Benutzeroberfläche auf den leistungsfähigen Programmkern zu setzen. Wir sind gespannt auf «InDesign Elements»!
Fotos und Vorlagen für Business- und Soho-DTPler: PageMaker 7 setzt auf schmackhaftes «Beigemüse».
Die aus dem Adressbuch von Outlook Express exportierten Adressinformationen sollen im Zusammenspiel mit der neuen Daten-Zusammenführungsfunktion für einen Serienbrief genützt werden. In einem ersten Schritt ist die Datenquelle zu öffnen und die Datenfelder in der Datei zu platzieren.
In einem nächsten Schritt können die Daten in die Felder eingeblendet werden. Für jeden Datensatz wird eine eigene Seite in der Satzdatei erzeugt.
Analog zu den anderen neuen Adobe-Programmen ist die Hilfe in PageMaker 7 über HTML-Seiten realisiert. Wieso Adobe diese Lösung einer normalen Windows-Hilfedatei vorzieht, ist nicht einsichtig: Sie ist weniger flexibel und nicht benutzerfreundlich.

