Photoshop 5.5

Siamesische Zwillinge

Adobes Produktepalette im Grafikbereich ist fein säuberlich nach Einsatzgebiet getrennt: Arbeitet man für die Druckvorstufe, benützt man Photoshop, ist man dagegen Webdesigner, bietet ImageReady die notwendigen Funktionen. Immer mehr Bildbearbeiter arbeiten jedoch für Papier und Bildschirm gleichermassen und dem trägt nun Photoshop 5.5 Rechnung.

Neue Markterhebungen zeigen, dass immer mehr Photoshop-Anwender nicht mehr nur klassisch für den Druckbereich arbeiten, sondern auch Bilder fürs Web aufbereiten. Dieser Konstellation hat Adobe jedoch bis anhin keine Rechnung getragen: Photoshop ist für den Druckbereich ausgelegt, ImageReady fürs Web. Das Arbeiten mit zwei Programmen für ganz ähnliche Arbeitsschritte ist allerdings recht mühsam und umständlich – und der Photoshop-Profi will nicht so recht einsehen, weshalb die Web-Funktionen nicht gleich in den Shop eingebaut sind. Auf der anderen Seite hat ImageReady schon eine Daseinsberechtigung: Arbeitet man nur fürs Web, ist Photoshop überdimensioniert und zu teuer.

Automatisches Hin und Her

Adobe hat sich daher zu einer höchst pragmatischen Lösung entschlossen: Photoshop und ImageReady werden über einen Knopf in der Funktionspalette miteinander verbunden, sodass das jeweils andere Programm quasi als «Werkzeug» zur Verfügung steht. Konkret bleiben einem dadurch viele «Öffnen»- und «Speichern»-Aktionen erspart. Möchte man ein Bild, das man eben in Photoshop bearbeitet hat, nun mit Hilfe von ImageReady in Segmente zerlegen und als HTML-Tabelle exportieren, dann musste man bis bis anhin erst speichern, ImageReady starten, in diesem Programm dann das eben bearbeitete File öffnen, um dann endlich den gewünschten Exportvorgang zu initiieren. Die leidigen Zwischenschritte erledigen die Programme jetzt automatisch und ohne Zutun des Users.

Fehlender Liebreiz

Diese Lösung mag praktisch sein, besonders anmutig ist sie nicht. Von einer «nahtlosen» Integration der Web-Funktionen kann keine Rede sein. Man macht nach wie vor praktisch das Gleiche, aber mit zwei verschiedenen Programmen – wobei sich das Hin und Her zwischen den beiden Anwendungen aufs flüssige Arbeiten durchaus hinderlich auswirkt: Besonders gut verstehen sich die beiden Geschwister nämlich nicht. Ein Austausch über das aktive Werkzeug, die selektierte Vorder- und Hintergrundfarbe oder die Auswahlmarkierung findet nicht statt. Geschweige denn kann man eine Aktion aufzeichnen, die applikationsübergreifend funktionieren würde: Im Gegenteil – versucht man das, gelingt nachher der Sprung von ImageReady zurück nach Photoshop nicht mehr, sondern endet in einer Fehlermeldung. Vor allem aber ist die Verschwendung von Systemressourcen mehr als störend: Grafikanwendungen zeichnen sich diesbezüglich schliesslich nicht durch besondere Genügsamkeit aus – da ist es verdriesslich, die unzähligen Funktionen gleich doppelt im RAM zu haben. Adobe begründet die gewählte Lösung damit, die Kunden hätten eine Integration der beiden Programme möglichst schnell haben wollen, da sei keine Zeit für ein nahtloses Zusammenfügen geblieben. Mag sein, aber der wirtschaftliche Aspekt wird auch nicht unerheblich gewesen sein.

Bilder in Scheiben

Neben der erwähnten Integration hat Photoshop aber auch neue Features erhalten, fast alle Web-bezogen: Die Farbpaletten können auf «web-sicher» umgeschaltet werden, sodass nur noch Farben aus einem fürs Web optimierten Farbraum gewählt werden können.

Mit ImageReady in der Version 2 – dabei handelt es sich nämlich bei Photoshops «Gspändli»- kann der Web-Designer neu auch leicht ein Bild in verschiedene Segmente, sogenannte «Slices» oder «geteilte Grafiken», zerlegen. Tut man solches, kann man nachher den Bildsegmenten eigene Kompressionsraten, Rollover-Effekte zuweisen, oder über deren Sichtbarkeit resp. Unsichtbarkeit entscheiden. ImageReady erzeugt dafür auch den notwendigen HTML-Code, damit die einzelnen Bilddateien im Browser nahtlos aneinander gereiht erscheinen.

Apropos Rollover-Effekte: Auch diese erzeugt ImageReady inzwischen nicht gerade vollautomatisch, aber doch recht einfach, sodass sich leicht Knöpfe erzeugen lassen, die beim Mauskontakt vor Freude zu glühen beginnen oder sonstwie auf sich aufmerksam machen.

Dem Export ins richtige Format, bei möglichst gelungenem Verhältnis von Dateigrösse und Bildqualität, leistet ImageReady weiter Vorschub, indem einerseits ein Vierfach-Fenster für die Voransicht von diversen Export-Varianten beim Optimieren hilft. Vordefinierte Formatoptionen unterstützen vor allem weniger geübte Anwender; eine irritierenderweise «lossy» genannte Option hilft, durch Reduzierung der Farbzahl die Grösse von GIF-Bildern zu verringern.

Starke Freistellfunktionen

Obwohl die neue Version ganz im Zeichen des Webs steht, werden sich auch reinrassige Druckvorstüfler die Updaten-oder-nicht?-Frage stellen müssen: Perfiderweise hat Adobe nämlich noch tolle Freistell-Funktionen eingebaut, die zumindest in ersten Tests auch bei komplexen Umrissen schöne Resultate ermöglichen. Ein Hintergrund-Radierer entfernt flächige Farben – und zwar so, dass die Struktur des Hintergrunds erhalten bleibt. Die «Extract»-Funktion hilft beim Freistellen, indem man erst grob den Konturen des freizustellenden Objekts nachfahren kann, dann die beizubehaltenden Flächen bestimmt und schliesslich das Programm die Arbeit machen lässt. Praktisch – und ein Grund, das Update in Erwägung zu ziehen.

Preise, Verfügbarkeit

Photoshop 5.5 für Windows und Mac ist in Deutsch voraussichtlich ab Ende August verfügbar und wird etwa Fr. 1700.- kosten. Anwender von Photoshop 5 und ImageReady 1 können das Upgrade zum Spezialpreis von etwa Fr. 285.- erwerben (nur bis Mai 2000). Anwender früherer Shop-Versionen zahlen Fr. 435.-.

Weitere Infos bei Adobe Direct, Tel. 0800 55 14 58.

Matthias Schüssler

Quelle: Publisher, Mittwoch, 1. September 1999

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Metadaten
Thema: Adobe Photohsop
Nr: 350
Ausgabe: 99-4
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