So nutzen Sie die chinesische KI Deepseek sicher
China wird 2025 bei der KI eine führende Rolle übernehmen. Das hat Clem Delangue prognostiziert. Der Chef der wichtigsten Community für die künstliche Intelligenz, Hugging Face, hat seine Vorhersage nicht aus der Luft gegriffen: Die Volksrepublik will schon länger an die Weltspitze. Doch dass der Paukenschlag so schnell und laut erfolgt, überrascht.
Deepseek heisst die chinesische KI, die für Furore sorgt. Sie ist ähnlich gut wie die westlichen Konkurrenten von Open AI, Google und Microsoft. Im Vergleich benötigt sie weniger Rechenleistung – was umgekehrt bedeutet, dass für den gleichen Output ein kleineres Rechenzentrum notwendig ist. In der Folge verlor Nvidia an Börsenwert – denn wenn diese Effizienz Schule macht, lässt der Hunger nach leistungsfähigen Prozessoren zumindest etwas nach.
Die neue KI beherrscht auch die Methode des «Reasonings». Während sie eine Antwort erarbeitet, führt sie eine Art Selbstgespräch. Aus dem geht hervor, welche «Überlegungen» sie anstellt, welche Faktoren sie berücksichtigt und wie sie sie gewichtet. Das macht Deepseek stark im Bereich der logischen Argumentation und bei der Entscheidungsfindung. Und es ist faszinierend wie gruselig, weil dieser inneren Dialog fast menschlich wirkt.
Dieses Reasoning enthüllt, wie sich die KI selbst zensiert. Deepseek vertritt Positionen der chinesischen Regierung und gibt keine Auskunft zum Tian’anmen-Massaker, zur Menschenrechtssituation oder zum Sozialkreditsystem. Durch das «laute Denken» wird klar, dass diese Informationen der KI zur Verfügung stehen, sie aber darauf getrimmt ist, die offizielle Sprachregelung einzuhalten.
Was bedeutet das für uns Anwenderinnen und Anwender? Es gibt Experten, die wegen des Datenschutzes dringend von Deepseek abraten. Denn wenn die KI über die Website deepseek.com genutzt wird, wandern die eingegebenen Informationen auf Server in China, auf die die chinesische Regierung mutmasslich Zugriff hat. Wer es ausprobieren möchte, sollte das nur mit unverfänglichen Fragen tun.
Doch Deepseek existiert auch als Open-Source-Modell. Das erlaubt es, KI-Modelle auf dem eigenen Computer oder sogar auf dem Smartphone zu verwenden. Die eingegebenen Informationen bleiben privat. Nebenbei bemerkt braucht es dafür natürlich auch kein Abo, wie es bei den Cloud-KIs zumindest bei intensiver Nutzung unumgänglich ist.
Und so betreiben Sie Ihre KIs selbst: Sie brauchen als Erstes ein leistungsfähiges Gerät. Je mehr Arbeitsspeicher desto besser, 16 GB sind das Minimum. Auch ein moderner Prozessor hilft, weil er für KI-Anwendungen ausgelegt ist. Dann benötigen Sie eine Anwendung, mit der Sie die Modelle ausführen. Für Windows und Mac bieten sich LM Studio (lmstudio.ai) und GPT4All (nomic.ai) an. Am iPhone habe ich mit Private LLM (5 Franken im App Store) und Local Chat (Gratis) gute Erfahrungen gemacht.
Das ist die Gast-Umgebung für die KI. Es gibt eine Art Store, der die Open-Source-Modelle zur Verfügung stellt. Neben Deepseek gibt es auch solche, die stabiler laufen als der Newcomer: Llama, ein Modell von Meta, Qwen von Alibaba und Mistral aus Frankreich. Microsoft steuert Phi bei und Google Gemma.
Diese Modelle sind allesamt riesig, meistens mehrere Gigabytes gross. Ansonsten unterscheiden sie sich stark bei ihren Stärken und Schwächen und beim Tempo. Beschreibungen gibt es auf Hugging Face (huggingface.co). Sie können mehrere Modelle installieren, vergleichen und die Verhaltensweise über Einstellungen beeinflussen: Experimentieren ist ausdrücklich erwünscht. Das hilft ungemein beim Verständnis der künstlichen Intelligenz.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

