Feuerthalen: «Zwischen Aufbruchstimmung und Resignation» — Vortrag vermittelt differenziertes Bild von der Schweizer Jugend
Perspektiven für die entmutigte Jugend
Markus Späth ist in Sachen Jugendfragen eine kompetente Auskunftsperson: Der Feuerthaler hat als Geschichtslehrer am Gymnasium viel mit der heranwachsenden Generation zu tun und amtet ausserdem Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für Jugendfragen. Am FDP-Apéro zeichnete er ein differenziertes Bild von der Schweizer Jugend, welche irgendwo «zwischen Aufbruchstimmung und Resignation» pendelt.
(msc) Nicht ohne Hintergedanken hatte die Feuerthaler FDP das Thema für ihren Feierabend-Apéro dieses Thema gewält: «Für uns stellt sich schliesslich die Frage, wie wir an die Jugendlichen herankommen», meinte Ortspräsident Bernhard Grossmann. Diese Frage jedoch war für Markus Späth schwer zu beantworten und an die Jugendlichen selbst konnte sie nicht gestellt werden – fast keine Jugendlichen befanden sich in der grossen Zuhörerschaft. Kein Zufall – Resignation statt Aufbruchsstimmung?
«Die Jugend» gibt es nicht
Zunächst war es Markus Späth wichtig, deutlich herauszustreichen, dass es «die Jugend» an sich nicht gibt: «Die Jugend ist ein Patchwork-Teppich – ein Kunstwerk, welches aus vielen verschiedenartigen Flecken besteht». Die Portraitierung von drei der zahlreichen «Flecken» sollte die Unterschiede verdeutlichen: Die «Gummibärli»-Generation kennt nur einen Fixpunkt: die eigene Person, die sich ihr Leben «designt» – nach materialistischen Gesichtspunkten, Werte der Eltern sind fragwürdig, grosse Ideale inexistent.
Die Hip-Hopper. Zu ihnen gehören Jugendliche der Unterschicht, meist Ausländer, welche sich in der Gruppe, mit der sie sich stark identifizieren, gegen die feindlich erlebte Umwelt verteidigen. Kommunikation und Identifikation, auch Erfüllung, die in der Arbeit nicht gefunden werden kann, laufen über nur in der Gruppe verständliche Rituale, Tanz oder das Sprayen.
Neonazis. Angeheizt durch latent vorhandener Ausländerhass in der Gesellschaft, populistische Stimmungsmache rechter Politiker frönen sie einem dumpfen Hurra-Patriotismus und nationalistischem Gedankengut, welches sich auch durch Gewalt Luft machen kann.
«Grosses Mass an Selbstzerstörung»
Späth sieht bei seinen Beobachtungen dieser drei Gruppen Anzeichen einer beginnenden Zweidrittelsgesellschaft, wie sie in Nordamerika bereits existiert. Einem Drittel der Bevölkerung gelingt die Integrierung in die Gesellschaft nicht – mit den bekannten Problemen. Doch auch unter den «normalen», den angepassten Jugendlichen brodelt es: Oberflächlich betrachtet scheint alles in Ordnung, 75 Prozent der Jugendlichen optimistisch würden in die Zukunft sehen – doch in derselben Umfrage geben 31 Prozent an, schon einmal Selbstmordgedanken gehabt zu haben. Und Selbstmord ist, nach Unfall, die zweithäufigste Todesursache bei 15–19jährigen – in der Schweiz bringen sich mehr Jugendliche um als in irgend einer anderen Industrienation. Markus Späth stellt ein erschreckend grosses Mass an Selbstzerstörung fest, nicht nur in der Unterschicht: «In jeder meiner Klassen leidet mindestens ein Mädchen an Bulimie, und die Bereitschaft zum Drogenkonsum ist sehr gross». Viele Jugendliche stehen an einem Abgrund von Verzweiflung, wo Visionen und Werte sein sollten, gebe es nur das Gefühl des Verlorenseins in einer Welt mit riesigem Erwartungsdruck, aber ohne echte Herausforderung.
«Zukunftsverträglichkeit»
«Die Kommission für Jugendfragen fordert eine Instanz, welche alle wichtigen Politischen Entscheide auf ihre ‹Zukunftsverträglichkeit› abklopft», erklärt der Referent. Es sollen keine irreversiblen Entscheide gefällt werden, die Jugendlichen sollen merken, dass die Politik ihre Chancen wahrt, denn schliesslich haben die Kinder am längsten an den Entscheiden zu kauen. Doch die – unter Spardruck ausgesandten – Signale sehen anders aus: Ein Bildungsabbau auf allen Schulstufen ist zu konstatieren, Notleidende sind vor allem die langsameren Schüler. Die Sozial und Beschäftigungspolitik ist dabei, die Schulzeit zu verkürzen und das Rentenalter anzuheben. Dies verlängert die Lebensarbeitszeit und vermindert die Chancen auf einen Arbeitsplatz. Zum Nachteil der Jungen: Jeder fünfte Arbeitslose ist unter dreissig. Die Budgets für Kultur werden allerorts gekürzt – unter die Räder kommt Möglichkeit die Eigeninitiative und der Schaffung von Freiräumen für und durch Jugendliche. Populistische Politiker auf Stimmenfang appellieren an Egoismus und Eigennutz. In diesem Klima zeige man schnell auf die erstbesten Sündenböcke, und mit ihm gehe ein Solidaritätsverlust einher, meint der Historiker.
«Die Jugendlichen müssen die Umwelt als etwas Gestaltbares wahrnehmen; das Stimmrechtalter 18 war ein wichtiger Schritt dabei», schloss Markus Späth seinen Vortrag. Das Interesse der Jugendlichen an der Politik muss weiter gefördert werden, sie sollen sich an der Welt beteiligen – darin war sich die ältere Generation in der folgenden Diskussion einig wenn auch die Wege dahin nicht so klar waren.

