Die Drossel geht ins Netz
«Wir entwickeln OS/2 zu einem Netz-Betriebssystem, auf dem hauptsächlich Java-Anwendungen laufen», verkündete John Soyring, Vize der IBM «personal software products»-Abteilung, und machte damit unmissverständlich klar, dass OS/2 nicht stirbt, sondern weiterentwickelt wird. OS/2 lebt und soll sich speziell in dem Bereich verbessern, den viele Kunden als «Problemkind Nr. 1» bezeichnen: Dem PC-Management. OS/2 für Netz-Computer heisst «Bluebird» und ermöglicht die volle Kontrolle der Client-PCs vom Server aus. Mindestens 25 Prozent Wartungskosten werden somit eingespart, verspricht IBM.
Von Matthias Schüssler und Martin Spaar
Statt «Bluebird» (Singvogel, Drossel) hätten die IBM-Gewaltigen die OS/2-Weiterentwicklung auch «Phönix» taufen können. Denn dem mythologischen Vogel gleich entsteigt OS/2 immer mal wieder der Asche, um allen Totenreden zum Trotz weiterzuleben. In den Schweizer Medien fand die letzte (voreilige) Abdankung am 10. Juli statt. Damals titelte beispielsweise der Tagi: «IBM zieht OS/2 zurück – Microsoft gewinnt». Dabei ist das Ende der Fahnenstange in der Frage der Betriebssysteme noch nicht erreicht, schliesslich wird es selbst Microsoft nicht einfallen, Windows 95 als perfekt zu bezeichnen.
Das Mass vieler Dinge: «total cost of ownership»
Insbesondere die Wartung der Computer bereitet den Firmen Bauchschmerzen, das zeigt unter anderem das Gewicht, welche die EDV-Verantwortlichen neuerdings dem Begriff «total cost of ownership» (TCO) beimessen. PCs mit den gängigen Betriebssystemen sind sehr teuer im Unterhalt – Studien sprechen von über 10 000 Franken, welche ein Personal Computer pro Jahr an Kosten verursacht. Der Grund für diese hohen Beträge ist in der Tatsache zu suchen, dass jeder PC nach individueller Betreuung verlangt. Für das Aufspielen von Updates und Konfigurierungsarbeiten muss jeweils vor Ort ein EDV-Experte aktiv werden, und die Schranken, welche den Benützern das unbefugte Herumspielen an der Konfiguration verwehren, sind niedrig. Ausserdem ist der Hardware-Hunger der Anwendungen in der letzten Zeit ins Unermessliche gestiegen, was zwar die Computerbauer freute, bei den Unternehmen jedoch je länger je weniger auf Akzeptanz stösst.
Bei all diesen Missständen soll Bluebird Abhilfe schaffen. OS/2 Warp «Bluebird» ist eine Erweiterung der OS/2-Familie und besteht aus zwei Komponenten: Einer Client-Umgebung und einem Satz von Server-Utilities zur Verwaltung. Beim näheren Hinsehen ist OS/2 für die Weiterentwicklung zum Netzwerk-Betriebssystem geradezu prädestiniert, denn viele dafür notwendige Technologien sind bereits heute schon eingebaut. So der «Remote Initial Program Load», welcher es den Cliens ermöglicht, vom Server zu booten und dem Benützer gleich «seine» Benutzerumgebung bereitzustellen, gleichgültig, an welchem Gerät im Netzwerk dieser sich angemeldet hat.
Auch bei der Benutzerschnittstelle besteht Wahlfreiheit: Je nach Bedürfnis des Anwenders steht eine einfache grafische Shell, ein Java-Desktop (zum Beispiel «Lotus Kona»), ein Lotus-Notes-Client, der um ein Anwendungsmenü erweiterte Netscape-Browser oder die ganze OS/2 Workplace Shell zur Verfügung. Es dürfte nicht erstaunen, dass dieses Konzept gegebenenfalls mit viel weniger Hardware-Power auskommt, als beispielsweise eine NT-Umgebung. 486-PCs mit acht Megabyte RAM sind als Clients für einen Java-Desktop absolut tauglich und auch auf eine Festplatte kann verzichtet werden («thin client»). Die Harddisk wird sowieso, da alle Daten zentral auf dem Server beheimatet sind, nur als Cache benützt («managed PC») und kann bei geringem Datenvolumen auch ganz wegfallen. Für die Unternehmen bedeutet dies: Die alte Hardware bleibt einsetzbar und bei Neuanschaffungen kann – zur Entlastung dies EDV-Budgets – auf die billigen NetPCs oder NetworkedPCs zurückgegriffen werden.
Alle Macht dem Server
Auch das System-Management wird beim Bluebird-Konzept umgekrempelt: «Wir verlagern die Software-Verwaltung vom Client zurück zum Server», erklärte Anthony Brown, System Manager bei IBM. Damit sollen die Vorteile von zwei Welten miteinander verheiratet werden, doppelte Browns Boss, John Soyring, nach. Die kostengünstige, zentrale Client-Verwaltung, welche man von den Mainfraims her kennt, verbindet sich mit der grossen Funktionalität der Anwendungen der PC-Seite. «Network computing soll keinesfalls heissen, dem Benützer Funktionalität wegzunehmen», sagte Brown. Doch die Konfiguration, das ist klar, wird der Anwender selbst nicht mehr beeinflussen können, denn das Einrichten und Verwalten der Clients erledigt der Administrator vom Server aus. Dafür bringt das kommende Warp-Update ein Set von leistungsfähigen Utilities mit, das momentan unter dem Codenamen «Bluebird Manager» subsummiert wird.
Auch Bedenken betreffend Kompatibilität zwischen den Betriebssystemen versuchten die IBM-Manager anlässlich der «Bluebird»-Präsentation in St. Louis auszuräumen. Nicht umsonst wird OS/2s Java-Implementation als äusserst stabil bezeichnet; und diese wird Bluebird in die Wiege gelegt werden. Damit läuft jede «pure Java»-Anwendung auf Bluebird, und natürlich ist auch OS/2-Software für die IBM-Drossel kein Problem. Und, was angesichts der Übermacht der Windows-Welt viel gilt, es können auch Windows-Programme benutzt werden. 16-bit-Programme sind direkt ausführbar und sogar für Win32-Applikationen existiert ein Hintertürchen: Diese können mit Citrix WinFrame-Application-Server für Windows-NT den Clients verfügbar gemacht werden. Durch ein spezielles Protokoll werden nämlich die Bildschirmdaten via OS/2-Unterstützung direkt vom NT-Server zum Client geschlauft.
Bei der Vermarktung wird IBM die enge Verwandtschaft von Bluebird mit OS/2 vermutlich eher verheimlichen denn herausstreichen, dennoch stehen die Chancen gut, dass dem oft totgesagten Betriebssystem der Durchbruch, zumindest bei den PC-müden Unternehmen, gelingt. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die gemachten Versprechen betreffend Leistungsspektrum auch eingehalten werden können – und auch Microsoft wird Bluebirds Flugversuchen nicht tatenlos zusehen. Der Computergigant aus Redmont hat bereits angekündigt, ähnliche Funktionen in den Windows NT-Server zu integrieren. Microsoft ging für die Verbesserung von NTs Multiuser-Fähigkeiten ein Abkommen mit Citrix ein und die Unterstützung von «Windows-Terminals» im NC-Stil soll in Zusammenarbeit mit Wyse Technology und NCD entwickelt werden. Wohl deshalb setzt IBM auf Tempo bei der Entwicklung von Bluebird: Bereits Ende des dritten Jahresquartals soll das neue Warp vertrieben werden, drei Monate früher als ursprünglich geplant.
Im Fadenkreuz der PC-Administratoren: «Bluebird», alias OS/2 für NetPCs. Damit man beim Managen der Clients nicht mehr so im Wald steht!
Erste Ansichten eines Java-Desktops: Lotus «Kona»
«Kona» ist der Codename für eine I-Net-Plattform (Internet, Intranet und Extranet), welche aus vier Elementen besteht:
- Applet-Sammlung: Diese umfasst Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentantionsprogramm, Datenzugriff (SQL/JDBC), Grafikprogramm, Projekt- und Personal Information-Manager und ein E-Mail-Client.
- Benutzerschnittstelle: Über das «InfoCenter» läuft die Kommunikation mit dem Benutzer; es «klammert» die Applets quasi zusammen. Das InfoCenter stellt Tastaturkürzel, Funktionalität für die rechte Maustaste und weitere Features bereit. Der «InfoBus» sorgt für den Datenaustausch zwischen den Applets.
- Ein Set von gutdokumentierten Schnittstellen erleichtert die Entwicklung von eigenen, Web-basierenden Anwendungen
- Eine Desktop-Umgebung für Network Computer, das Kona NC desktop. Dieser Desktop läuft auf jeder Java Virtual Machine (VM), und bietet einen anpassungsfähigen, aufgabenorientierten Arbeitsbereich. Er kann HTML-Dateien darstellen, bietet unter anderem Dateiverwaltungsfunktionen.

