Sags mit Stickern

Smileys, Emoticons und Emojis sind die Würze der nonverbalen Kommunikation. Der letzte Schrei sind Sticker, die als animierte Grafiken übermittelt werden – und für die Nutzer sogar bezahlen.

Matthias Schüssler

Am Anfang war LOL. Die Abkürzung steht für «loughing out loud», laut herauslachend. Sie entstand mit vielen anderen kryptischen Akronymen während der Anfänge der Onlinekommunikation. In Chaträumen und Foren tummelten sich Technikfreaks und Anhänger der Hackerkultur, die einen effizienten Austausch schätzten – und die sich mit ihren Geheimcodes auch sehr gern von der uneingeweihten Masse absetzten. LOL steht heute im Duden (Bedeutung: «drückt grosse Heiterkeit aus») und im Oxford English Dictionary.

«LOL ist Geek-Sprech, der es in den Mainstream geschafft hat», sagte Rob Manuel der BBC. Er betreibt die Humor-Site b3ta.com und verwendet LOL auch umgangssprachlich. «Und zwar in einem ironischen Sinn, so wie langsames Klatschen nach einem schlechten Witz.»

Doch LOL oder OMG sind längst nicht die einzigen Beiträge des Internets zu unserer Kommunikation. Da sind die Emoticons: Buchstabenfolgen, hauptsächlich für Gefühle wie das bekannte augenzwinkernde Smiley;-). Die japanische Variante heisst Kaoani, und sie zeichnet sich dadurch aus, dass man sie nicht, wie die westlichen Emoticons, mit nach links gekipptem Kopf betrachtet, sondern in Normallage.

Der bekannteste Vertreter ist der sogenannte «Shruggie». Er besteht aus elf Zeichen und symbolisiert ein Männchen, das mit den Schultern zuckt und die Hände hilflos nach oben hält. Es gibt Hunderte von Kaoani, die Dutzende von Zeichen lang und sehr komplex sein können.

Im Alltag angekommen

Simon Schmid hat die App Kaomotion entwickelt, die den klassischen Smileys «durch Animation Leben einhaucht», wie er sagt. Er schwärmt für die neuen Kommunikations-Hilfsmittel: «Sie sind nicht nur in der täglichen privaten Kommunikation angekommen, nein, wir finden sie in Zeitungen und Werbung, es gibt sogar Pläne für einen Emoji-Film.»

Emojis sind die grafischen Symbole, denen heute jeder Nutzer von Whatsapp oder Facebook schon begegnet sein dürfte. Sie geben den Nutzern die Möglichkeit zurück, auf subtile Weise Gefühlsregungen zu vermitteln, die im Gegensatz zum direkten Gespräch oder dem Telefonanruf, bei SMS und all den Messaging-Plattformen fehlen: «Sticker und Emojis füllen diese Lücke zumindest teilweise. Sie verdeutlichen die Stimmung und die Tonalität von dem, was wir sagen», erläutert Jeremy Burge. Der Unternehmer aus London betreibt die Website Emojipedia und propagiert den World Emoji Day. Burge braucht Emojis regelmässig – um Freundschaft auszudrücken oder um einem Tweet die Schärfe zu nehmen.

Burge ist auch Mitglied des Unicode Emoji Subcommittee, das bestimmt, welche Piktogramme offiziell aufgenommen und über Smartphone-Tastaturen zugänglich gemacht werden. Mit den kommenden Updates der Smartphone-Betriebssysteme erhalten die Nutzer neue Emojis, darunter den lang erwarteten «Facepalm»: einen Mann, der sich aus Unglaube oder Frustration mit der Hand an den Kopf greift.

Jeremy Burge engagiert sich für die Emojis, weil hier «Tech-Unternehmen zusammenspannen, um jedem Smartphone dieser Welt die Möglichkeit zu geben, über die eingebaute Tastatur farbenfrohe Bildchen für Gegenstände, Gesichter und Gefühle zu versenden».

Die neue Sticker-Economy

Die jüngste Spielart der nonverbalen Internetkommunikation sind Sticker. Sie funktionieren wie die Emojis, sind aber flexibler. Bei den Emojis gibt es nur die vom Unicode-Standard vorgegebenen Symbole. Sticker werden nicht als Schriftzeichen, sondern als Grafiken übermittelt. Sie sind detaillierter, können animiert sein, und es gibt sie in diversen Stilen.

Und sie sind ein interessantes Geschäftsmodell. In vielen Messaging-Apps gibt es nur die Basissticker kostenlos. Für exklusivere Sticker muss man bezahlen. Und das ist offensichtlich ein gutes Geschäft. Die japanische Messaging-App Line hat 2015 allein mit Stickern 268 Millionen Dollar umgesetzt, wie Qz.com im Juni berichtete. Der Verkauf solcher Sticker sei ein stark wachsender Markt. «Forbes» spricht sogar vom Entstehen einer «Sticker-Economy».

Apple hat mit dem letzten Update des iPhone-Betriebssystems die iMessage-App mit Stickern ausgestattet, und der dazugehörende Store scheint zu florieren. Ein bereits unübersichtliches Angebot in der Preisspanne von 0 bis 3 Franken bedient die unterschiedlichsten Vorlieben: Von Ronaldinho- und David-Bowie-Stickern über Marvel-Comicfiguren und Grumpy Cat gibt es alles von herzig bis schräg. Auch für Marketingzwecke müssen die virtuellen Aufkleber herhalten. Das US-Schnellrestaurant Dunkin’ Donuts stellt seine Produktpalette in Stickerform zur Verfügung.

Stickerfan Simon Schmid verwendet gerne «Grammar Snob»: Mit denen korrigiert man mehr oder weniger charmant eigene oder fremde Grammatikund Orthografiefehler. «Dramatic Ellipsis» fügt dramatische Kommentare in die Konversation ein – wie «Und so hat es angefangen» oder «Warte auf die Pointe». Sinnsprüche für alle Lebenslagen bieten die «Lyrics Stickers».

Kein Internet-Esperanto

Kreativ, zeitsparend, ambivalent genug für doppelbödige Aussagen und ideal fürs Flirten, fasst Schmid zusammen – aber es gibt auch Leute, welche die Symbol-Kommunikation als kindisch und nervig empfinden. Das sei unvermeidlich, wenn man sie exzessiv benutze, meint Jeremy Burge. Bei iMessage sei die Gefahr besonders gross, weil man Sticker auch auf die Nachrichten der anderen «draufkleben» kann: «Ich habe ohne Zweifel Freunde, die sehr gerne andere mit dieser Funktion nerven.»

Doch sie haben auch ihre Grenzen und werden auch nicht zu einer universellen Sprache, quasi dem Esperanto der digitalen Ära, mutieren. Emojis und Sticker ersetzten die Sprache nicht, sagt Burge. Das begreift man, sobald man versucht, einen komplexen Vorgang oder ein spezifisches Detail allein mit Piktogrammen zu beschreiben. «Emojis sind vielmehr wie Hunderte sehr ausdrucksstarker Satzzeichen auf unserer Tastatur.»

Vom Bildschirm zum Kissen: Mit Emojis kann man Gefühle zeigen. Foto: Alamy

Die Evolution des Internet-Sprechs

Geheimcodes

Die kryptischen Akronyme aus der Hackerkultur entstanden ab 1980 in den Foren des Usenet, in Chat-Systemen und Mailboxen. Sie basierten auf Text und konnten auch in Systemen ohne Grafikfähigkeit verwendet werden.

LOL: Laughing out loud; laut herauslachend

ROFL: Rolling on the floor laughing; sich vor Lachen auf dem Boden rollen

OMG: Oh, mein Gott

cul8tr: See you later; bis später

wtf: What the fuck; was zum Teufel

Smileys und Kaoani

Werber Harvey Ball hat den Smiley im Vor-Internet-Zeitalter, 1963, gezeichnet. Mit E-Mail und SMS erlebte die elektronische Form aus Satzzeichen und Buchstaben ihren Aufschwung. Die japanische Form der Kaoani kann Dutzende Zeichen lang werden.

Lachen

Augenzwinkern

Breit grinsen

Shruggie: Achselzucken

Katze

Emoji

Erfunden Ende der 1990er-Jahre für den japanischen Telecomkonzern DoCoMo, werden die farbigen Piktogramme in sozialen Medien, Messengern und auch in E-Mails intensiv verwendet. Sie werden als Schriftzeichen übertragen.

Das lächelnde Gesicht

Okay-Zeichen

Tränen lachend

Scheisshäuflein

Sticker

Die erste Sticker-App schrieb 2012 Franky Aguilar, ein Designer bei Game-Gigant Zynga. Heute sind sie bei den Messengern von Facebook, Google, Apple und Snapchat Standard. Sie sind sehr vielfältig. Und dank Sticker-Stores erö?nen sie Drittanbietern eine lukrative Einnahmequelle.

Quelle: Tages-Anzeiger, Mittwoch, 16. November 2016

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