«Steriles» Web

Ist das Internet bald tot? KI erobert die Plattformen

Künstliche Intelligenz erzeugt immer mehr Inhalte im Netz und bedroht echten Content. Eine Verschwörungstheorie sieht die Regierung dahinter. Die Wahrheit sei düsterer, sagen Experten.

Matthias Schüssler

Wundersame Vermehrung: Dank KI sind Mehrlingsgeburten auf Facebook an der Tagesordnung.

KI-Inhalte sind inzwischen auf allen grossen Plattformen anzutreffen, u. a. bei Youtube, Spotify, Facebook und Pinterest. Die «Dead Internet Theory» besagt, dass das Internet aufgrund von KI-Inhalten bald steril und leer wirken könnte. Bisher gehen wenige Unternehmen das Problem an. Meta scheint eher von KI-generierten Inhalten profitieren zu wollen.

Das Internet ist seit Jahren tot – bloss hat das noch niemand gemerkt. So behauptet es die «Dead internet theory». Sie wurde 2021 von einem pseudonymen User in die Welt gesetzt und besagt, dass sich das Internet inzwischen «steril» und so leer wie ein Heissluftballon anfühle. Schuld seien Regierungen. Was wie eine Verschwörungstheorie klingt, ist laut Experten auch eine.

Doch zwei Computerwissenschaftler konstatieren, die Wirklichkeit sei noch düsterer als die «Dead internet theory». Sie monieren den versteckten Einfluss, den Bots und KI-Systeme ausüben. Der Zweck: Bots verbreiten Propaganda und manipulieren die öffentliche Meinung.

Die beiden Forscher von den Universitäten in Sydney und Melbourne halten fest, dass die grossen Social-Media-Unternehmen in der Lage wären, einen grossen Teil der Aktivitäten dieser Bots zu unterdrücken – wenn sie denn nur wollten.

«KI-Schmodder» auf dem Vormarsch

Was KI-Bots produzieren, wird heute oft «AI Slop» genannt: «KI-Matsch». Dieser «Schmodder» ist in der Ära der künstlichen Intelligenz das Pendant des E-Mail-Spams. Und wie bei den Werbemails gibt es kein Entkommen. Es existieren zwar keine Zahlen, wie gross der «Slop»-Anteil bereits ist. Doch der Eindruck verfestigt sich: Der Matsch ist längst überall.

Der Komiker John Oliver hat sich unlängst aufgezeigt, wie auch Plattformen wie Pinterest wegen der KI unbrauchbar werden.

Eben erst ist aufgeflogen, dass The Velvet Sundown ein «synthetisches Musikprojekt» sei. Die vermeintliche Band hat 1,3 Millionen monatliche Hörerinnen und Hörer auf Spotify, und sie brachte einen Schwindler dazu, sich in einem Telefoninterview mit der Musikzeitschrift «Rolling Stone» als Sprecher der Band auszugeben. Schon vor einem Jahr wurde die Flut von KI-generierten Büchern bei Amazon beklagt. Bei Facebook wird die KI inzwischen exzessiv von sogenannten Engagement-Farmern genutzt. Das sind Leute, die mit KI-Inhalten Aufmerksamkeit und Einnahmen generieren.

Deezer straft KI-Musik ab

Einzelne Plattformen ergreifen Massnahmen. Youtube aktualisiert die Richtlinien und bezahlt künftig nur noch Videoproduzenten, die «originale und authentische Inhalte hochladen». Rein KI-generierte Videoclips erhalten keine Umsatzbeteiligung mehr. Youtube senkt den Anreiz, die Plattform mit KI-Massenware zu fluten. Doch der nächste Konflikt ist absehbar, weil sich KI auch originell und sinnvoll einsetzen lässt.

Auch Deezer will den «Slop» beseitigen. Im April informierte der französische Musikstreamingdienst, inzwischen würden pro Tag über 20’000 KI-genierte Musiktitel hochgeladen. Das entspricht 18 Prozent des gesamten Anteils an neuer Musik, und das Wachstum ist rasant. Der Entwicklungschef, Aurelien Herault, sieht diese Entwicklung nicht nur negativ. Doch für die Fans müsse Transparenz herrschen. Die KI-generierten Titel werden vom Algorithmus nicht mehr empfohlen.

Der Streamingdienst Deezer hat eine Methode entwickelt, um KI-generierte Musik zu erkennen und mit einem Label zu versehen.

Deezer versieht die KI-Songs auch mit einem Label, und «betrügerische Streams» würden nicht mehr mit Tantiemen entschädigt. Die EU schreibt Transparenz für KI ab August 2026 vor – und zwar für künstlich erzeugte Audios, Bilder, Videos und Texte, wenn sie nicht redaktionell geprüft und freigegeben wurden.

Der «Slop» spielt Meta in die Hände

Viele der Plattform-Betreiber wirken überfordert. Bei Meta drängt sich sogar der Eindruck auf, der «Slop» komme nicht ungelegen. Viele der KI-Bilder sind rührselig, kitschig oder idealisiert. Sie sind ein hervorragendes Gegengewicht zu den politisch aufgeladenen, kontroversen Postings und fördern Metas höchstes Ziel: Die Leute verweilen länger bei Facebook.

Aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer ist ein KI-Label – wie von der EU gefordert – der Mindeststandard. Das hilft zwar nicht direkt gegen die Gefahr von Propaganda und Manipulation, vor der die australischen Wissenschaftler warnen. Aber sie ist eine wichtige Grundlage, damit wir User souverän entscheiden können, mit welchen Inhalten wir uns beschäftigen und mit welchen nicht.

Und das Label ist auch im Interesse der Plattformen. Denn auch wenn die «Dead Internet Theory» zu verschwörerisch daherkommt, spricht sie ein echtes Problem an. KI verändert Streaming, Video und Social Media fundamental. Ob wir Menschen uns dort noch willkommen fühlen werden, ist längst nicht garantiert.

Quelle: Newsnetz, Samstag, 19. Juli 2025

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