Schüssler

Bullshit Pro Plus Max: Sprach-Unfug der Tech-Konzerne

Apple-Produktnamen funktionieren wie Güterzüge: Manchmal wird vorn eine zweite Lok vorgespannt (der Mac wird zum iMac), und manchmal wird hinten etwas angehängt (wie beim iPad Pro oder dem iPhone Plus). In einigen Fällen sind diese «Güterwaggons» eine echte Orientierungshilfe: «Air» am Ende steht für eine leichte Bauweise, «Plus» für einen grossen Bildschirm und «Pro» für viel Leistung.

Apple erfindet auch Anhängsel, bei denen nur Eingeweihte die Bedeutung kennen. Beispiele sind «SE», «XS» und «XR» für diverse Telefonmodelle. Spätestens seit 2018 geht es bei der Nomenklatur nicht mehr darum, eine Orientierungshilfe im Produktportfolio bereitzustellen. Stattdessen will der Konzern auf Teufel komm raus Eindruck schinden.

Exemplarisches Beispiel ist das Suffix «Max». Es kommt beim iPhone Pro Max zum Zug. Nicht zu Unrecht, weil das sowohl gross als auch leistungsstark ist. Bei den Airpods Max hingegen bezeichnet es die Variante, die nicht in Form von Ohrstöpseln in den Gehörgängen steckt, sondern als Bügelkopfhörer auf dem Kopf des Trägers thront.

Für die Lateiner unter uns steht «Max» für «der oder das Grösste», ist also das Ende der Fahnenstange. Trotzdem vollbrachte Apple die bemerkenswerte Leistung, diesen Superlativ noch zu steigern. 2022 kombinierte der Konzern zwei besten Prozessoren (M1-Max) zu einem noch leistungsfähigeren Gespann und prägte dafür die Bezeichnung «Ultra».

Unsere Sprache ist den Techunternehmen nicht gewachsen. Auch den anderen Branchengiganten nicht: Microsoft kommt bei seinen sprachlichen Kreationen nicht ganz an die Auswüchse der deutschen Bürokratie heran – das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz aus Mecklenburg-Vorpommern ist ungeschlagen. Aber viel fehlt nicht, das beweisen Buchstabenbandwürmer wie Benutzerzugriffssteuerung und der Richtlinienkonfigurationsdienstanbieter.

Microsoft setzt auch gern Euphemismen in die Welt. Die Bezeichnung «Windows Genuine Advantage» klingt nach einem echten Vorteil für die Nutzer, ist aber das Gegenteil davon: Dieser Schutz vor Softwarepiraterie kommt gelegentlich auch ehrlichen Käuferinnen und Käufern in die Quere. Noch schlimmer war «PlaysForSure» (2004–2007). Dieser Kopierschutz für Musik konnte sein grosses Versprechen, dass die so «geschützte» Musik auch wiedergegeben werden kann, oft nicht einhalten.

Google schliesslich ist «einfach miserabel bei der Wahl der Produktnamen». «Youtube Red» klinge wie eine Pornosite, fand das Online-Magazin «Slate». Das hat vielleicht zur Umbenennung zu Premium geführt. Nicht die einzige Namensänderung: Die Office-Programme trugen im Lauf der Geschichte vier Namen: Apps for Business, Apps for Work und G Suite. Derzeit gültig ist Google Workspace.

Der Chatbot Gemini wurde als Bard lanciert. Google Assistant war erst Google Now. Play Music spielt heute als Youtube Music. Picasa wurde zu Google Fotos umgetauft. Und maximale Verwirrung stiftet die Bezahlsoftware: Die hiess erst Google Wallet, dann Android Pay und schliesslich Google Pay. Nebenbei seit 2022 ein anderes Produkt, das wiederum Google Wallet heisst, aber zur Verwaltung von Kundenkarten und Flugtickets zuständig ist.

Dieser sprachliche Unfug ist ein Ärgernis. Doch wie die Konzerne mit ihren Produktbezeichnungen umgehen, verrät uns einiges über ihr Innenleben: über Apples Hang zur Grösse und Microsofts Hang, Eigeninteressen zu verschleiern. Und Google ist zwar inzwischen 27 Jahre alt, aber noch immer ein Laden, der sich wie ein Start-up geriert.

Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

Quelle: Sonntagszeitung, Sonntag, 6. Juli 2025

Rubrik und Tags:

Faksimile
250706 SZ Seite 61.pdf

Die Faksimile-Dateien stehen nur bei Artikeln zur Verfügung, die vor mindestens 15 Jahren erschienen sind.

Metadaten
Thema: SZ
Nr: 20298
Ausgabe:
Anzahl Subthemen:

Obsolete Datenfelder
Bilder:
Textlänge:
Ort:
Tabb: false