Von Karl Klammer zum flunkernden Chatbot
Technologie Arbeit, Dating, Kultur: Wie die digitale Revolution seit der Jahrtausendwende praktisch alle unsere Lebensbereiche verändert hat.
Rafael Zeier, Matthias Schüssler
Noch zur Jahrtausenderwende telefonierten wir mit einem dummen Telefon. Doch schon 25 Jahre später hat sich unser digitale Alltag grundlegend verändert. Das sind die wichtigsten Stationen dieser Technikrevolution.
2003
Soziale Medien und Dating
Schon im letzten Jahrhundert ist klar, dass das Internet nicht nur ein Informations-, sondern auch ein Begegnungsmedium werden würde. Bereits in den 1990er-Jahren existieren die Chaträume, wo in Echtzeit zu allen möglichen Themen geplaudert wird.
Daraus entwickeln sich die sozialen Medien: Friendster (2002) ist zuerst die grösste Plattform ihrer Art, wird aber schon bald von Myspace (2003) in den Schatten gestellt. 2004 folgt Facebook, 2006 Twitter. Erst verbreiten diese virtuellen Treffpunkte Aufbruchstimmung: Die Welt verspricht sich viel von der Vernetzung über alle Grenzen, Schichten und politischen Überzeugungen hinweg. Doch einerseits erschüttern Datenschutzskandale (Cambridge Analytica) den Optimismus, andererseits fördern die Geschäftsmodelle der Plattformen nicht den konstruktiven Austausch, sondern die Polarisierung.
Das Dating im Internet ist hingegen eine Erfolgsgeschichte: Die Partnersuche wäre ohne Tinder (2012) und Co. heute kaum mehr denkbar.
2006
Streaming und Cloud
Anfang der Nullerjahre sind wir alle Hüterinnen und Hüter unserer Daten: Wir halten sie auf grossen Festplatten und brennen sie für Back-ups oder die Übermittlung auf beschreibbare CDs und DVDs. Auch für Filme und Musik sind die silbrigen Scheiben unverzichtbar.
Das ändert sich rasant: Der iPod lässt 2001 erahnen, dass Musik in Form von Dateien flexibler nutzbar ist. Im iTunes Music Store kaufen wir ab 2003 Musikdownloads. Auch das nur eine Zwischenstation. Das Streaming in Verbindung mit einer Flatrate erlaubt uns den Zugriff auf riesige Film- und Musikkataloge: 2006 nimmt Spotify den Betrieb auf und Netflix (1997 gegründet) startet 2007 mit dem Streaming. Unsere Daten wandern derweil ins Netz: 2007 kommen die Dropbox und Microsofts Onedrive (damals als Skydrive) auf den Markt, 2011 lanciert Apple die iCloud.
Heute ist die iCloud allgegenwärtig, selbst Games und Rechenleistung werden aus der Wolke bezogen. Das ist komfortabel, verstärkt aber die Abhängigkeitsgefahr.
2022
Von dummen Assistenten zu flunkernden Chatbots
Karl Klammer beziehungsweise «Clippy» in Englisch beschert vielen von uns den ersten Kontakt mit einem digitalen Assistenten. Er bietet in Microsoft Office zwischen 1997 und 2004 seine Hilfe an, indem er versucht, auf Nutzer-Eingaben zu reagieren («Anscheinend möchten Sie einen Brief schreiben»). Doch statt als hilfreich empfinden ihn viele als aufdringlich.
Die nächste Welle der digitalen Assistenten baut sich mit Siri von Apple ab 2011 auf, gefolgt von Google Now (später Google Assistant) ab 2012 und Amazon Alexa ab 2014. Sie entfesseln den Hype der smarten Lautsprecher, der 2018 seinen Höhepunkt erreicht. Doch mit ihrem limitierten Verständnis werden sie den Erwartungen nicht gerecht.
2022 ändert sich das schlagartig: Aus dem Nichts taucht Chat-GPT auf. Im Dialog beantwortet dieser Chatbot so komplizierte Fragen, dass die künstliche Intelligenz die Welt im Sturm erobert. Zwar hat auch die KI nicht immer den Durchblick. Doch die meisten von uns fühlen sich zum ersten Mal von ihrem Computer verstanden – sodass offen ist, wohin diese Entwicklung führen wird.
2024
Sicherheitslücken, Datenklau, Phishing und Hacks
Welche Probleme die digitale Revolution mit sich bringt, zeigt sich früh im neuen Jahrhundert: Der Loveletter-Computerwurm, auch bekannt als «ILOVEYOU», verbreitet sich rasant um den Globus und verstopft Millionen von Mailboxen – ein Vorgeschmack auf immer neue Computerbedrohungen. Von Phishing und Datendiebstahl über neue Würmer (Conficker, 2008) und gezielte Angriffe (Stuxnet, 2010) bekommen wir es mit immer neuen Maschen zu tun: Trojaner, die Dokumente verschlüsseln und Lösegeld erpressen, beispielsweise.
Auch die Angriffe, die menschliche Schwächen ausnutzen, nehmen zu: Beim Tech-Support-Betrug ruft ein vermeintlicher Microsoft-Mitarbeiter an, um Zugang zum Computer zu erschwindeln, und bei Romance Scams werden die Opfer in virtuelle Venusfallen gelockt. Weil immer mehr Daten in der Cloud landen, werden Datenlecks und -Diebstähle zu einem virulenten Problem.

