Christine Antlanger-Winter im Interview

Wie wichtig ist die Schweiz für Google? Wir haben bei der Chefin nachgefragt

Die Schweizer Google-Chefin sagt, was der Standort Zürich im globalen Konzern zu melden hat und wie sich die Stimmung in den Büros gewandelt hat.

Matthias Schüssler

Christine Antlanger-Winter ist seit zwei Jahren Country Director von Google in Zürich. Das Bild zeigt sie am Dienstag am Medienanlass zum 20. Geburtstag des Schweizer Entwicklungsstandorts.

Seit zwanzig Jahren leistet sich Google einen Entwicklerstandort in Zürich. Google schätzt das gute Verhältnis zur Wirtschaft und zur Forschung bei ETH und EPFL.

In welcher Form macht sich die Schweizer Beteiligung an den globalen Produkten bemerkbar? Haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hierzulande einen Einfluss auf den Kurs des Konzerns – oder sind die Bedenken beispielsweise bei der KI eher hinderlich? Christine Antlanger-Winter, seit 2022 Chefin der Schweizer Niederlassung, nimmt Stellung.

Frau Antlanger-Winter, Google ist ein globaler Konzern. Ist Zürich als Standort wichtig?

Ehemalige Google-Mitarbeitende haben mehr als 110 Unternehmen gegründet, die viele im Technologiebereich oder in verwandten Bereichen tätig sind. Darauf sind wir sehr stolz. Die Beziehung zu Zürich ist sehr fruchtbar. In den 20 Jahren konnten wir einen guten Beitrag dazu leisten, dass sich in Zürich und in der Schweiz eine lebendige Technologieszene entwickelt hat.

Die Schweiz gilt als Bremserin bei der künstlichen Intelligenz. Das muss doch die Beziehung zum Standort trüben.

Unser Ansatz ist «bold and responsible», mutig und verantwortungsvoll. Wir wollen das Potenzial der KI nutzen. Bei den enormen Fortschritten bei den grossen Sprachmodellen brauchen wir beides. Das ist auch für die Schweiz wichtig. Wir können auch ausserhalb der Schweiz sehen, dass es viele Bedenken gibt und die manchmal überhandnehmen. Ich sehe aber viel Offenheit für Innovationen in der Schweiz. Die Schweiz baut auf ihrer Geschichte und ihr Ingenieurswesen auf. Sie kann neue Dinge ausprobieren und für den Wohlstand des Landes nutzen.

Es gibt in der Schweiz den Ruf nach Regulierung. Oder soll man erst eingreifen, wenn Entwicklungen aus dem Ruder laufen?

Es gibt im Kanton Zürich die Innovation-Sandbox für KI: Man probiert Dinge aus, wie im Sandkasten. Das ist ein vernünftiger Zugang: Man kann testen und seine Lehren ziehen.

Am Standort Zürich wird die KI Gemini mitentwickelt. Gibt es einen sichtbaren Zürcher Einfluss?

Wir haben Linguisten, die mit weltweiten Teams daran mitarbeiten. Die haben ein Auge darauf, dass auch Schwiizertüütsch abgebildet ist.

Wenn ich mit einer KI spreche, wirkt es oft, als ob ich es mit einem Amerikaner zu tun hätte: sprachbegabt, aber unvertraut mit regionalen Eigenheiten. Will Google künftig kulturelle Unterschiede abbilden?

Ich würde das aus einem anderen Blickwinkel sehen, aus ethischer Sicht. Wir haben bereits 2018, als eines der ersten grossen Unternehmen überhaupt, unsere ethischen Rahmenprinzipien für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz vorgestellt. Sie sollte sozial nützlich sein. Wir wollen keine Vorteile abbilden oder verstärken. Diese KI-Prinzipien kommen weltweit zum Einsatz.

Christine Antlanger-Winter beim Panel mit Google-Urgestein Urs Hölzle, der zum Jubiläum über die Anfänge des Schweizer Standorts berichtete.

Wie geht Google damit um, dass die KI die klassische Suchmaschine konkurriert?

Die Suche bleibt ein wichtiges Tool. Wir haben in einigen Ländern, unter anderem in den USA und Indonesien, ein Update in den Markt gebracht, die KI-Übersichten. Wir kombinieren die Suche mit einer Box, die ein generatives KI-Ergebnis zur Fragestellung liefert. Dieses Produkt wird sehr stark genutzt, auch von einer jungen Zielgruppe. Wir rechnen damit, dass es bald in über 100 Ländern verfügbar sein wird.

Bedroht die KI das Geschäftsmodell mit der Werbung auf den Webseiten?

Eine grosse Veränderung bringt es mit sich, dass sich die Produkte weiterentwickeln. In diese Richtung geht es bei uns mit den AI Overviews.

Hat Zürich bei solch grossen Entwicklungen überhaupt etwas zu sagen?

Unsere Produktteams sind weltweit aufgestellt. Viele Teams haben auch Entwickelnde in Zürich sitzen. Die Teams sind aber sehr unterschiedlich aufgestellt, und darum kann man die Frage nicht allgemein beantworten.

Bei Google herrschte lange Zeit ein Start-up-Groove. Heute, als Weltkonzern, wäre es seltsam, sich als Jungunternehmen aufzuführen.

Das kommt auf die Definition des Start-up-Gedankens an. Der offene Austausch und das Prinzip, Ideen weiterzuentwickeln, sind noch immer vorhanden. Aber die Grösse eines Teams bringt Veränderungen mit sich, sodass es sich nicht mehr wie ein Start-up anfühlt. Es gibt beides.

Kann ich als Google-Mitarbeiter in Zürich sagen: «Ich habe eine Idee, die der Chef hören muss»? Dringe ich damit bis ganz nach oben durch?

Dieser offene Austausch miteinander, auch über grosse Teams hinweg, zeichnet uns noch immer aus. Es ist nicht mehr im gleichen Ausmass möglich wie zu Beginn, als vier Leute hier arbeiteten. Aber die Grundausrichtung ist noch gegeben.

Wo stehen wir eigentlich bei der KI-Revolution? Erst am Anfang, mittendrin – oder haben wir das Wesentliche schon gesehen?

Meistens überschätzt man das erste Jahr und unterschätzt die zehn Jahre danach. Das sieht man jetzt. Doch die Fortschritte sind enorm. Ich erwähne gerne den Nobelpreis in Chemie, den Google Deepmind gewonnen hat. Mit der künstlichen Intelligenz konnten wir alle 200 Millionen der bekannten Proteine in ihrer 3-D-Struktur modellieren. Früher hat jemand für ein einzelnes Protein eine Doktorarbeit geschrieben. Es finden wirklich grosse Fortschritte bei der Grundlagenforschung, der Medikamentenforschung und auch bei der Forschung fürs Klima statt.

Quelle: Newsnetz, Mittwoch, 27. November 2024

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