Chat-GPT spricht jetzt breites Berndeutsch
Es sei bald völlig natürlich, mit der KI zu plaudern. Das hat uns Open AI im Mai versprochen, als der «Advanced Audio Mode» vorgestellt wurde. Er soll bei Chat-GPT die gesprochene Kommunikation verbessern. Der Bot reagiert schneller und emotionaler. Er kann sich an Themen aus früheren Gesprächen erinnern. Und weil man ihm auch ins Wort fallen kann, soll sich das Gespräch fast so natürlich anfühlen wie die Plauderei mit dem Büronachbarn.
Dieser neue Modus ist seit Anfang Oktober für die meisten User zugänglich. Er steht den zahlenden Kundinnen und Kunden zur Verfügung, und wer Chat-GPT gratis verwendet, kann ihn kurz ausprobieren. Das gilt für viele Länder, aber leider nicht für die Schweiz, Lichtenstein und die EU. Hierzulande muss man auf ein VPN und einen Zugangspunkt in den USA ausweichen – so, wie wir für diesen Test.
Dabei wäre die Neuerung wie gemacht für die Schweiz. Chat-GPT unterhält sich jetzt auch in Mundart. Der Bot wechselt auf Wunsch von Englisch sofort zu einer Art Berndeutsch. Offenbar ist Berndeutsch jenes Idiom, das Open AI besonders typisch für unser Land hält. Die Aussprache ist halbwegs erträglich, aber das Vokabular lässt selbst für meine Zürcher Ohren Tiefgang vermissen. Im Vergleich dazu ist das Züritüütsch, das es auf Nachfrage zu hören gibt, eine Beleidigung für den ganzen Kanton.
Abgesehen von den Integrationsschwierigkeiten: Was bringt es, mit Chat-GPT zu reden? Da Open AI die Lebensechtheit so betont, liegt Small Talk auf der Hand. Kann man mit dem Bot über jene Lieblingsthemen plaudern, bei denen Freunde und Familienmitglieder müde abwinken? Theoretisch ja. Doch der Bot hat keine eigenen Leidenschaften, mit denen er dagegenhalten könnte. Und er gibt sich oft demonstrativ neutral: Marvel oder DC, Patent Ochsner oder Züri West – nie will er sich auf die Äste rauslassen.
Die Stärke bleibt die Informationsbeschaffung. Während des Schreibens der KI Fragen stellen zu können, ohne zu einer anderen App wechseln zu müssen, entpuppt sich als unerwartet nützlich. Zum Beispiel: Wie könnte man «Advanced Audio Mode» sinnvoll auf Deutsch ausdrücken? Im Dialog während der Arbeit eine Lösung zu finden, ist bestechend.
Zumindest theoretisch. Chat-GPT reagiert prompt, doch die Vorschläge sind höchst fragwürdig: «Erwiterte Tounmodus», «Fortgschrittene Audio-Mod» und «Höcherwite Tounverarbeitigsmodus». Ach ja, der Bot war noch auf Dialekt getrimmt, darum erfolgen auch die Umschreibungen in Berndeutsch. Aber ob man sie in Hochdeutsch verstehen würde?
Ein zwiespältiger Eindruck bleibt. Die Software ist nicht so ausgereift, wie es bei der Präsentation im März den Anschein hatte. Sie verliert zwischendurch den Faden, und manchmal antwortet sie auch gar nicht. Die antrainierte Zurückhaltung passt nicht für einen persönlichen, zugewandten Assistenten. Zwar kann man den Bot auffordern, auf eine bestimmte Art und Weise zu antworten – aber das wirkt nicht wie ein glaubwürdiges Gegenüber.
Das Potenzial ist aber nicht zu leugnen: Das Versprechen, das Apple 2011 mit Siri und auch Amazon, Google und Microsoft mit ihren persönlichen Assistenten abgegeben haben, rückt in den Bereich des Möglichen: Ein smarter Lautsprecher in der Küche mit Chat-GPT-Zugang könnte schnell Auskunft geben, wie viel Couscous pro Person wir aufsetzen sollen und ob ein Pale Ale zum Wolfsbarsch passt.
Von der KI geht weiterhin eine futuristische Faszination aus. Und damit die KI das letzte Wort hat, habe ich sie um einen Schlusssatz gebeten: «Chat-GPT zeigt, dass Sprachen verbinden – auch wenn sie aus dem Mund eines Computers kommen.»
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

