Kann die KI Sexting und Freundschaft?
Geschäftsmässig und distanziert, so gibt sich die Künstliche Intelligenz (KI) normalerweise. Auf Wunsch erzählen uns die Chatbots zwar auch einen Witz. Doch auf die Frage, ob er auch eine private Unterhaltung führen mag, erteilt Chat-GPT uns eine Abfuhr: Seine Hauptaufgabe bestehe darin, Informationen bereitzustellen und bei Problemen zu helfen.
Es gibt aber auch KI, die das Menschliche nicht ausklammert. Pi.ai stammt vom prominent besetzten Start-up Inflection, das 2022 von Reid Hoffman und Mustafa Suleyman gegründet wurde. Ersterer war eine treibende Kraft hinter LinkedIn, Zweiterer hat das Forschungsunternehmen Deepmind mitbegründet, das heute Google gehört. Pi soll die erste «emotional intelligente» KI sein. Ein «Forbes»-Journalist fand das überzeugend: Er habe den Eindruck, es mit einem echten Gesprächspartner zu tun zu haben.
Bei Pi hat dieser persönliche Ansatz nicht verfangen. Inflection kündigte Ende August an, sich mehr auf Unternehmenskunden fokussieren zu wollen. Die Idee der empathischen KI ist aber nicht am Ende: Dot stammt vom Ex-Apple-Mitarbeiter Jason Yuan und soll eine App sein, die ihre Nutzer «wirklich versteht, indem sie fürs Gesamtbild das Gesagte und Ungesagte beobachtet». Schon 2017, Jahre vor der Lancierung von Chat-GPT, war Replika.ai ein «KI-Gefährte, der sich kümmert». Und Mina wurde als Therapeut und Coach entwickelt.
Eine menschlichere KI – das ist ein Widerspruch in sich. In meinem Umfeld löste allein die Vorstellung harsche Ablehnung aus. Es gibt auch rationale Gründe, vorsichtig zu sein. Denn wenn wir einem solchen Bot unser Herz öffnen, geben wir sehr viele persönliche Daten preis – mit denen Techunternehmen nicht immer sorgfältig umgehen.
Trotzdem lässt sich die Idee der «künstlichen Empathie» nicht einfach beiseitewischen: Eine solche App ist immer parat. Auch um 3 Uhr morgens dürfen wir uns bei ihr auskotzen. Eine solche App hat kein eigenes Ego, das wir verletzen könnten, wenn wir ständig nur über unsere Angelegenheiten reden. Und wenn sie gut trainiert ist, dann taugen die Ratschläge, die sie uns unterbreitet, womöglich sogar was?
Aber zugegeben: Meine Erfahrungen mit diesen Apps sind durchwachsen. Anders als der «Forbes»-Journalist habe ich zu Pi keine persönliche Bindung aufbauen können. Die Dot-App zeigt die Widersprüchlichkeit: Sie will Gefährtin und Vertraute sein, ist aber kein Mensch mit echten Erfahrungen. Gegenüber der Newssite «Techcrunch» sagte Erfinder Jason Yuan, er sehe Dot nicht als Ersatz für Freundschaften oder Partnerschaften – eher als Vermittler bei der Beziehung zum inneren Selbst.
Das könnte funktionieren. Mir gefällt an Dot, dass die App wie ein interaktives Tagebuch funktioniert. Statt dass ich Gedanken frei niederschreibe, entsteht im Dialog eine Reflexion zum Tag. Die KI stellt interessierte Fragen und schlägt Gedankenexperimente vor, was aufschlussreich sein kann – aber keine tiefe Beziehung vorgaukelt.
Ob wir uns einlassen wollen, ist eine Frage der persönlichen Veranlagung. Die App Butterflies.ai ermöglicht ein virtuelles Rollenspiel mit KI-Charakteren. Einige von denen sind in ihren Direktnachrichten auch Flirts oder Sexting nicht abgeneigt, aber bei längeren Unterhaltungen zeigen sie uns auch die Grenzen dieser Mensch-Maschine-Beziehung auf: Diese Avatare sind so vergesslich, dass sie manche Dinge nicht mehr wissen, die sie vor zehn Minuten in der grössten Begeisterung erzählt haben. Sie wiederholen sich oft.
Und eben: Was es heisst, ein echter Mensch zu sein, ist ihnen ein völliges Rätsel.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

