Nikon befreit sich mit neuer Topkamera aus der Krise
Modell Z6III Manche hatten den japanischen Hersteller abgeschrieben. Doch jetzt ist die Baisse überwunden.
Mehr als zehn Jahre lang steckte Nikon in einer tiefen Krise. «Wie konnte der einstige Darling der Kamerabranche so tief fallen?», fragte das Fachmagazin Fstoppers.com2020. Ende jenes Jahres befand sich der 1917 gegründete japanische Konzern in argen finanziellen Nöten. Der Kameraverkauf war wegen der Covid-Krise eingebrochen. Doch die Misere ging tiefer.
In den Zehnerjahren wurde die Konkurrenz durchs Smartphone immer stärker. Davon waren auch andere Hersteller betroffen. Speziell an Nikons Misere war die falsche Produktstrategie. Der frühere technologische Vorreiter verschlief das Geschäft mit den spiegellosen Kameras. Sie besitzen anders als traditionelle Spiegelreflexkameras keinen optischen Sucher. Sie sind kompakter und haben optische Vorteile.
Die ersten spiegellosen Kameras wurden 2008 lanciert. Nikon brauchte bis 2011 für sein 1-System. Es zielte auf den Amateurmarkt, also just jenes Geschäft, das durch die Handykameras am stärksten bedrängt wurde.
Im März 2024 holte sich Nikon mit der Übernahme des US-Herstellers Red solide Videokompetenz ins Haus. Und seit 2022 werden keine neuen Spiegelreflexkameras mehr entwickelt, Nikon kann sich ganz auf die spiegellosen Modelle konzentrieren.
Dieser Fokus macht sich beim jüngsten Topmodell bemerkbar: Die Z6III kam im Juni auf den Markt und stand mir für einen Test während der Sommerferien zur Verfügung. Ich hatte in den letzten Jahren diverse Nikon-Kameras ohne Spiegel in der Hand, inklusive der Nikon 1 J2 von 2012.
Anfänglich war es für mich klar, dass sie den Spiegelreflexkameras nicht das Wasser reichen können. Sie waren langsam, hatten ein zu dunkles Display und die Eigenart, dass zum Fotografieren erst das Objektiv ausgefahren werden musste. Diese Vorbehalte sind über die Jahre verschwunden. Mit der Z6III steht fest, dass die spiegellosen Systemkameras nun das Mass aller Dinge sind. Diese neue Kamera ist ein selbstbewusstes Produkt, dem das Smartphone mit all seinen Bildaufhübschungstricks keinen Schrecken einjagt.
Die Kamera ist gegenüber der im letzten Jahr getesteten Z8 kompakter und leichter. Sie hat gegenüber ihrem Vorgänger, der Z6II von 2020, eine schnellere maximale Verschlusszeit (1/16’000 Sekunde) und eine bessere Lichtempfindlichkeit (ISO 64’000). Sie kann bei einer reduzierten Auflösung bis zu 120 Bilder pro Sekunde schiessen. Die eigentliche Neuerung ist nämlich der «teilweise mehrschichtige CMOS-Sensor», der sich schneller auslesen lässt und mehr Leistung ermöglicht. Das gilt auch für Videoaufnahmen. Dort liefert die Kamera eine Rate von 60 Bildern pro Sekunde bei 6k-Auflösung.
Riesiges Benutzerhandbuch
Fazit: An der Z6III gefällt mir der schnelle Autofokus, der Objekte erkennt und bei Personen automatisch aufs Auge scharf stellt. Ausserdem der hellere und schärfere Sucher, die hervorragende Bildstabilisierung und die manuellen Möglichkeiten. Dazu zählt die Möglichkeit, dass sich bei Objektiven mit CPU die Funktion des Einstellrings wählen lässt: Normalerweise setzt man damit den Fokus, aber es ist auch möglich, die Blende oder die Belichtungskorrektur zu steuern. Und bemerkenswert: Die vielen Möglichkeiten führen dazu, dass das Benutzerhandbuch dieser Kamera über 1000 Seiten stark ist.
Kritikpunkte gibt es natürlich auch: Manche Rezensenten finden, die Auflösung von 24,4 Megapixel, die identisch ist mit der Erstauflage von 2018, sei nicht mehr zeitgemäss. Für meine Bedürfnisse reicht sie völlig aus. Ein Manko: Die Kamera hat kein eingebautes GPS zur Erfassung des Aufnahmeorts. Das schont den Akku. Aber auch so hält die Kamera weniger lang durch als meine 14 Jahre alte D7000 – womit ich aller Freude zum Trotz doch noch einen Punkt gefunden habe, bei dem die klassische Spiegelreflexkamera die Nase vorn behält. Nikons Rezept – Besinnung auf alte Stärken und Wappnen für die Zukunft – könnte aufgehen.
Matthias Schüssler
Die Nikon Z6III kostet 2999 Franken; mit Kit-Objektiv ab 3629 Franken. Das Vorgängermodell, die Z6II, ist ab 1500 Franken erhältlich.
Dank der guten Bildstabilisierung verwackeln auch Aufnahmen mit langer Brennweite aus der Hand nicht. Foto: Jarno Schurgers

