Wie das Smartphone den PC überflüssig machen könnte
Das Ende des PC wurde schon oft verkündet. Die US-Zeitung «The Hill» sieht die künstliche Intelligenz (KI) als Kraft, die nicht nur die Laptops hinwegfegen wird, sondern auch die Arbeitsplätze, an denen sie vorwiegend benutzt werden. Apple-Chef Tim Cook erklärte den Personal Computer 2015 bei der Markteinführung des iPad Pro für tot. Und «Cash» schrieb schon im August 1999, wie «schlaue, vernetzte Geräte» die «Post-PC-Ära» einläuten würden.
2010 war es, als das Smartphone den PC überholte. Heute sorgt der PC tatsächlich kaum mehr für Furore. Dennoch ist der PC für viele nicht wegzudenken – allein, weil es sich am grossen Bildschirm einfacher arbeiten lässt. Allerdings lassen sich neue Smartphones wie ein Laptop am grossen Monitor anschliessen. Das klappt meist per USB-C-Kabel. Auch die Verbindung mit Maus und Tastatur ist möglich: entweder drahtlos per Bluetooth oder über eine Dockingstation bzw. einen USB-Hub.
Deshalb liegt die Frage auf der Hand: Kann der Laptop weg? Es wäre günstiger und effizienter, mit nur einem Gerät zu arbeiten. Und da wir das Smartphone überall mit dabeihaben, befänden sich auch sämtliche Daten immer in Griffweite. Natürlich ist gleichzeitig der grösste Nachteil: Bei Verlust oder Defekt wären wir aufgeschmissen.
Ein Versuch mit dem iPhone 15 Pro zeigt Möglichkeiten und Grenzen auf. Apples Smartphone lässt sich an eine Dockingstation anschliessen. Die Anzeige des Telefons wird auf den Bildschirm gespiegelt. Wenn das Smartphone quer liegt, erscheint auch die Anzeige im Breitbild. Allerdings passt sie sich nicht dem Seitenverhältnis des Bildschirms an, was dicke schwarze Balken unten und oben zur Folge hat. Die Bedienelemente der Software wirken am externen Monitor riesig und nehmen zu viel Platz weg.
Die Maus funktioniert standardmässig nicht. Das lässt sich in den Einstellungen ändern, indem bei «Bedienungshilfen› Tippen» die Funktion «Assistive Touch» eingeschaltet wird: Mit ihr erscheint nicht nur der Cursor, sondern auch ein Steuerungssymbol für den virtuellen Home-Knopf, die Mitteilungszentrale, das Kontrollzentrum und die Seitentasten.
In der Textverarbeitung lässt es sich so tadellos arbeiten. Auch längere Mails schreiben sich fast so komfortabel wie am Windows-PC oder Mac. Für anspruchsvolle Aufgaben ist das iPhone unterlegen. Ein gut ausgestatteter PC hat mehr Arbeitsspeicher und eine leistungsfähigere Hardware, doch das fällt für Office-Tätigkeiten nicht ins Gewicht. Störend ist die nicht an den grossen Bildschirm angepasste Anzeige. Das iPhone ist auch nicht in der Lage, mehrere Apps nebeneinander darzustellen.
Die Android-Welt ist besser aufgestellt. Samsung stellt bei seiner teureren Telefone Dex zur Verfügung. Die Tech-Zeitschrift «c’t» hat diese für grosse Monitore optimierte Benutzeroberfläche getestet: Office-Tätigkeiten, Bild- und Videobearbeitung und sogar Gaming klappten hervorragend. Probleme mit einzelnen Apps sind aber nicht ausgeschlossen.
Die Chancen stehen gut, dass Android einen offiziellen Desktop-Modus bekommt. Google hat in der Vorab-Version seines Betriebssystems eine solche Funktion eingebaut, die noch einen rein experimentellen Charakter hat. Sie könnte frühestens mit Android 15 im Oktober 2024 verfügbar sein.
Die Zeit wäre reif. Und auch wenn das eine schlechte Nachricht für die Hersteller klassischer Computer ist, sind die Smartphones leistungsfähig genug für typische PC- und Laptop-Aufgaben: Viele Nutzerinnen und Nutzer könnten ihre täglichen Aufgaben am grossen Monitor und mit Maus und Tastatur auch per Smartphone komfortabel erledigen.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

