So beenden Sie die Monotonie auf Spotify
«Wie kann es ein Milliardenkonzern nur derart vermasseln?» Spotify-Nutzer «Turbulent Pinguin» ist aufgebracht: «Immer die gleichen dreissig Songs in Dauerschleife», macht er sich im Online-Forum Reddit Luft. Und Dutzende Kommentare sind sich einig: Langeweile herrscht, weil der Algorithmus zur automatischen Musikauswahl fast nur noch auf Altbekanntes setzt.
Doch woher soll Spotify wissen, wie gross unsere Lust auf Abwechslung ist? Aus wissenschaftlicher Sicht hat der Streamingdienst recht: Studien belegen, wie sehr mit zunehmendem Alter unsere Lust auf neue Musik sinkt. Darum setzen auch viele Radiostationen auf die «Heavy Rotation» und spielen kaum neue Songs: Das reduziert die Gefahr, Hörerinnen und Hörer zu verprellen.
Die KI eröffnet uns einen einfachen Weg zur musikalischen Selbstbestimmung. Chat-GPT besitzt Daten zu populärer Musik und stellt Songlisten zusammen: Wir können nach Stilrichtungen, Zeitepochen, Stimmungen oder Herkunft fragen. Es lassen sich auch mehrere Aspekte kombinieren.
Chat-GPT liefert auch thematische Wiedergabelisten. Zum Beispiel: «Schlag mir melancholische Songs von deutschsprachigen Künstlerinnen aus den letzten zehn Jahren vor, die sich um Fernweh drehen.» Chat-GPT empfiehlt Mine mit «Essig auf Zucker», CATT mit «Moon» und Sophie Hunger mit «There Is Still Pain Left». Eine brauchbare Auswahl, die das Thema «Fernweh» allerdings grosszügig im Sinn einer allgemeinen Sehnsucht auslegt.
Eine Unstimmigkeit fällt auf: Mehrere Songs sind englisch gesungen, obwohl die KI deutschsprachige Künstlerinnen nennen sollte. Wenn es nach der Muttersprache geht, ist sie absolut korrekt. Verstehen wir das als Lektion im «Prompting»: Wir müssen unsere Aufforderungen an die KI exakt formulieren, um das Gewünschte zu bekommen.
An eine liebevoll selbst zusammengestellte Wiedergabeliste kommen die KIs nicht heran. Dennoch ergeben sich spannende Einsichten. Auf die Frage, welcher Song denn als Gegenstück aus weiblicher Sicht zu Bruce Springsteens «I’m on Fire» passen könnte, lautet der Tipp «Criminal» von Fiona Apple. Das Stück ist zwar weniger lenden-denn kopflastig, passt aber gerade deswegen gut.
Und es ist ein guter Tipp, wenn wir mit den anderen KI vergleichen: Claude.ai findet, es gebe kein wirkliches Gegenstück, nennt trotzdem «Jolene» von Dolly Parton und «Desire» von Meg Myers. Google Gemini schlägt «Heart of Fire» von Patti Smith vor. Das wäre ein guter Vorschlag, wenn Googles zu Halluzinationen neigende KI ihn nicht erfunden hätte.
Einen Dämpfer gibt es: Die Rückmeldungen in Textform müssen von Hand beim Streamingdienst in eine Playlist gefüttert werden. Die iPhone-App AI Playlist Maker erspart uns diese Arbeit: Sie erzeugt Wiedergabelisten mittels KI und speist sie bei Spotify, Apple Music, Deezer oder Amazon Music ein.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Streaming-Apps selbst KI beherrschen. Spotify arbeitet an einer solchen Funktion, die derzeit erst in Grossbritannien und Australien verfügbar ist. Einer der frühen Tester fand sie eigentümlich: Die KI hätte kein Problem gehabt, Lieder für einen Vierzehnjährigen aufzustöbern, «der sich weigert, sein Zimmer aufzuräumen und den neuen Freund seiner Mutter ‹Papa› zu nennen». Doch sie war «völlig ratlos bei der Aufforderung, 50 Lieder über Käse zu suchen».
Dabei steht es ausser Frage: Der legendärste Song über Käse ist natürlich «Where’d the Cheese Go?» von Ween.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

