Microsoft hat das gesunde Mass verloren
Muss man alles tun, bloss weil man es kann? Von Microsoft schlägt uns ein schallendes Ja entgegen. Der Techkonzern hat sich voll auf die künstliche Intelligenz eingeschossen: KI in der Suchmaschine, in Office, im Browser, im Betriebssystem und neuerdings auch in den hauseigenen Surface-Laptops, die einen für KI optimierten Prozessor erhalten.
Dieser neue Chip wird die sogenannte «Recall»-Funktion befeuern. Microsoft nennt es ein «fotografisches Gedächtnis von allem, was auf dem Bildschirm passiert». «Recall» erstellt alle fünf Sekunden einen Screenshot. Die KI analysiert diese Momentaufnahmen und macht sie für Suchen zugänglich. Selbst Stichworte, die Nutzerinnen und Nutzer nur aus dem Augenwinkel gesehen haben, sind nach Monaten mit dem gesamten Kontext auffindbar.
Der Gefahren sei man sich bewusst, erklärt Microsoft: Die Screenshots würden nur lokal verarbeitet und gelangten nicht in die Cloud. Es gibt Optionen, um bestimmte Websites und Apps vor «Recall» zu verbergen. Und der Konzern bekennt sich zu «ethischen Prinzipien».
Andere hingegen möchten den Kopf ins Kissen stecken und schreien. So der Autor der Onlinepublikation «Techradar»: «Stellen Sie sich vor, dass nahezu alles, was Sie in den letzten drei Monaten getan haben, aufgezeichnet wird und jeder, der Zugang zu Ihrem Computer hat, es sehen kann.»
Das wäre ein gefundenes Fressen für Hacker. Aber nicht nur: Bei gemeinsam genutzten Heim-PCs könnten sich die Familienmitglieder nach Belieben ausspionieren. Bedacht werden muss auch, dass in vielen Unternehmen die IT-Abteilung Zugriff auf die PCs der Mitarbeitenden hat. Wie gross wäre die Versuchung, zu überprüfen, was die Angestellten den lieben langen Tag so treiben?
In den Screenshots werden auch Passwörter und Kreditkartennummern zu sehen sein. Gemäss Microsoft wird keine inhaltliche Moderation vorgenommen. Wenn sensible Informationen am Bildschirm zu sehen sind, können sie in Screenshots landen und monatelang abrufbar sein. Diese Risiken überwiegen den Nutzen. Und «Recall» ist standardmässig eingeschaltet. Beim Einrichten des PCs erscheint zwar ein Hinweis. Doch den werden viele überlesen oder in der Tragweite unterschätzen.
Microsoft scheint in eine KI-Euphorie verfallen zu sein. Der Datenschutz gerät unter die Räder, ebenso das Augenmass. Gedächtnislücken sind natürlich real. Aber es gäbe weniger gruselige Hilfsmittel gegen sie: In Windows existiert die herkömmliche, seit Jahren vernachlässigte Suchfunktion. Sie liesse sich mit Dritt-Apps wie dem Mail, Chat-Apps oder dem Browser integrieren. Und wie wäre es mit einer KI, die den Browserverlauf erschliesst? Die könnte Fragen wie diese beantworten: «Vor drei bis vier Wochen habe ich etwas über ein Computerspiel mit einem Frosch für Kinder gelesen. Auf welcher Site war das?»
Angesichts dieser Unvernunft müssen wir Nutzerinnen und Nutzer kühles Blut bewahren. Das heisst: Unsinnige Funktionen abschalten und stattdessen selbst dafür sorgen, dass uns nichts Entscheidendes entgeht: Lesezeichen, die Leseliste im Browser, Hilfsmittel wie getpocket.com, instapaper.com oder raindrop.io speichern Webinhalte, die irgendwann interessant werden könnten. Eine unkomplizierte Notiz-App wie Simple Note (simplenote.com) oder das anspruchsvollere Obsidian (obsidian.md) hält flüchtige Gedanken für später fest.
Aber vielleilcht finden Sie das «Recall»-Prinzip gut? Wenn Sie es nicht zu Microsofts Bedingungen nutzen möchten, finden Sie in der App von rewind.ai eine Alternative.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

