«Die KI macht, dass menschliche Imperfektion an Charme gewinnt»
Design-Koryphäe Oliver Reichenstein, der wohl einflussreichste Schweizer Designer, erklärt, warum künstliche Intelligenz weder menschliche Musiker noch Schriftstellerinnen konkurrenziert. Und er sagt, wovor er sich dennoch fürchtet.
Matthias Schüssler
Herr Reichenstein, im letzten Herbst haben wir es zum ersten Mal mit künstlich generierten Bildern zu tun bekommen. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie zum ersten Mal so ein Bild gesehen haben?
Ich habe über die hohe Auflösung der Bilder gestaunt. Inhaltlich erinnerten sie mich an Plattencover aus den 1980er-Jahren, etwa von der Band Asia mit ihren Fantasy-Motiven. Oder an den britischen Musiker Aphex Twin, der schon 1999 mit seinen Videos den KI-Horror vorweggenommen hat: Kitsch wie aus den 1950er-Jahren, gemischt mit den furchteinflössenden Zeichnungen von Schizophrenen, die etwas Künstlerisches haben, ohne Kunst zu sein.
Haben Sie als App-Entwickler die KI-Bilder also nicht als Bedrohung gesehen und gedacht: «In fünf Jahren bin ich meinen Job los?»
Ich hatte und habe keine Angst. Gestaltung erfordert denken, sie ist zeitaufwendig und schwierig. Die KI denkt nicht, sie rechnet. Auch als Musiker, Schriftsteller oder Journalist würde ich mich nicht infrage gestellt fühlen. Ich mache mir andere Sorgen. Ich befürchte beispielsweise, dass ich noch mehr E-Mails bekomme, in denen nichts steht, und noch mehr Powerpoint-Präsentationen ohne Inhalt.
Sie schreiben, KI-Bilder seien die neuen Stockfotos: Bilder in Datenbanken, die nach Bedarf heruntergeladen werden. Warum sind KI-Bilder so schnell Verschleissmaterial geworden?
Die Inflation der KI-Bilder hat diejenige der Bilddatenbanken schon überholt. Nicht jeder und jede erkennt Bilder ab Stange, KI-Bilder sind sofort als solche erkennbar. Wenn mir heute ein typisches KI-Bild ins Sichtfeld kommt, dann denke ich sofort: «Nein, nicht schon wieder!» Und ich schaue mir erst gar nicht mehr an, was abgebildet ist. Stattdessen überlege ich mir höchstens, mit welchem Befehl das Bild produziert worden ist. Ich sage mir: «Ah, okay, der Prompt für dieses Bild war ‹Nazi in der Küche›!»
Das ist eine Spitze gegen mich, weil ich neulich ein solches Bild in meinem Blog benutzt habe.
Genau. Sie enttäuschen mich: Ich dachte, Sie wüssten es besser, und trotzdem verwenden Sie diesen KI-Kitsch. Ich bin sicher, dass Sie damit auch viele Leserinnen und Leser enttäuschen: Diese denken, dass Sie auf solche Tricks zurückgreifen, weil Sie sich zu wenig Mühe geben. Damit kriegen Sie vielleicht ein paar Klicks mehr, aber es entwertet die Arbeit, die Sie in den Text eingebracht haben.
Ein KI-Bild entwertet die Arbeit?
Ja. Niemand erwartet, dass die Pianistin für den Auftritt in der Konzerthalle durch ihre Mode besticht. Wenn sie sich bewusst in einer Jogginghose, einem Taucheranzug oder in eine Alufolie gehüllt ans Klavier setzt, dann beeinflusst ihre Kleidung die Nachricht grundlegend.Wenn sie das aus Nachlässigkeit tut, dann macht sie ihren Auftritt kaputt.
Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass ein KI-Bild ein Reputationsrisiko ist?
Ich bin kein Freund von Stockfotos, und das soll beileibe keine Werbung für grosse Bilddatenbanken wie Getty oder Unsplash sein. Trotzdem sind mir gute Stockfotos lieber als der übliche KI-Kitsch. Gut ausgewählt wertet ein Stockfoto einen Artikel auf. Ironischerweise füllen KI-Bilder auch mehr und mehr die Bilddatenbanken. Bedrohlich scheint mir an KI vor allem, dass sie die Welt noch mehr zumüllt.
Ausser das KI-Bild ist so gut, dass man es nicht als solches erkennt.
Ja, es gibt Leute, die von sich behaupten, sie seien die Künstler unter den Prompt-Engineers…
Prompt-Engineers sind Leute, deren Job es ist, geschickte Anforderungen für KI zu schreiben.
Sie sagen: «Was andere machen, ist McDonald’s. Ich bin Paul Bocuse!» Es gibt KI-generierte Bilder, bei denen man die Herkunft nicht unmittelbar erkennt. Und tatsächlich, je besser der Prompt, je mehr sich jemand bei der Herstellung überlegt hat, desto weniger künstlich ist die Intelligenz im Produkt. Bei gedankenlos geprompteten KI-Bildern habe ich das Gefühl, wie eine Batterie entladen zu werden.
KI-Bilder sind wie ein Succubus, wie ein Dämon, der einem die Seele aussaugt?
Genau so kommt es mir vor. Auch bei manchen Texten von Chat-GPT habe ich das Gefühl, der Sinn, der im Text liegen müsste, werde aus mir herausgezogen. Wenn ich hingegen einen sorgfältig empfundenen, erdachten und gemeinten Text lese, werde ich mit Energie aufgeladen. Das klingt jetzt etwas esoterisch, aber genau dieser Eindruck entsteht in mir. Wenn ich bei Linkedin durchscrolle und ein KI-Bild auftaucht, dann scrolle ich gleich weiter. Kitsch gibt vor, zu sein, was es nicht ist. Ich will nicht meine Zeit damit verschwenden, einem nachlässig generierten Unsinn einen Sinn zu verleihen, den er nie hatte.
Wird es ein Geschäftsmodell für Kunstschaffende, ihre Werke nicht aussehen zu lassen wie von einer KI?
Die menschliche Imperfektion hat an Charme gewonnen. Ich stelle fest, dass es mich heute beruhigt, wenn ich in einer E-Mail Tippfehler finde: Fehler weisen darauf hin, dass da ein Mensch sich mitteilt. Früher hätte ich meine geschriebene Sprache an die Normalität angepasst. Das mache ich bewusst nicht mehr. Mit Reibung und einer rhythmischen Rauheit drücke ich genauer aus, was ich empfinde. KI hingegen macht alles durchschnittlich und aalglatt.
Ja, alles klingt nach Marketing.
Vielleicht sind auch deswegen Neunzigerjahre-Design, rohe Photoshop-Collagen und alte Digitalkameras wieder angesagt. Gerade ihre digitale Imperfektion macht sie in einer hochaufgelösten reibungslosen Welt besonders anziehend. Trotzdem hoffe ich, dass wir nicht zum extra kaputten Stil eines David Carson zurückkehren. Ich wünsche mir mehr Sorgfalt, nicht stilisierte Nachlässigkeit.
Ergibt sich daraus eine Chance? Nämlich, unser Sensorium dafür zu schärfen, was echt und menschlich ist – und was KI?
KI kam zuerst als Schock: Chat-GPT hilft mir, die «Metaphysik» von Aristoteles zu lesen. Damit hatte ich nicht gerechnet! Durch die künstliche Intelligenz aber stellt sich die Frage nach der menschlichen Intelligenz. Was macht unsere Intelligenz aus? KI schärft den Sinn für fehlende Perfektion. KI zeigt auf, dass Geist und Körper nicht voneinander trennbar sind.Wir sehen menschliche Kommunikation als neutralen Raum, in dem wir einander Signale hin- und hersenden. Aber gerade die KI zeigt, dass natürliche Intelligenz im Körper anfängt und im Körper aufhört.
Die KI ist also doch eine Inspiration?
In der Gestaltung inspiriert mich die KI nicht viel mehr als Fahrstuhlmusik oder eine Business-Präsentation. Sie zeigt mir hingegen oft, was ich nicht will. Wenn ich Chat-GPT frage, wie ich etwas besser formulieren könnte, dann kriege ich fast immer die langweiligste, uninteressanteste Antwort. Darüber rege ich mich auf, und im Widerstand dagegen entdecke ich, was ich vorher nicht habe sagen können. Ich möchte KI nicht verteufeln, aber sie arbeitet gut als Advocatus Diaboli.
Was werden die Folgen davon sein?
Als im 19. Jahrhundert die Fotokameras aufkamen, mussten sich die Künstler überlegen, warum sie noch malen sollten. Die impressionistische Bewegung ist so entstanden. Es brachte nichts mehr, die Natur einfach abzubilden. Das Wesentliche war, wie man seinen Eindruck der Natur zum Ausdruck bringt. Etwas Ähnliches passiert heute wieder.
Und die KI zwingt uns jetzt auch zu einer Neuorientierung?
Die grosse klassische Malerei des 20. Jahrhunderts, die Cézannes und Van Goghs, entstanden aus einer Gegenbewegung zur Fotografie. Wenn man sich vorstellt, dass so etwas im Design passieren könnte, in der Schriftstellerei, beim Video und in der Musik, dann könnte es dazu führen, dass man auch die Imperfektion des Menschlichen wahrnimmt und schätzt. Und zwar, ohne dass man nachlässig wird; darum habe ich gesagt, dass es jetzt kein Punk-Revival braucht. Das haben wir vor allem im Design schon genug gesehen. Irgendeine Schlamperei, das ist nicht das, was ich mir erhoffe. Sondern das Gegenteil: Dass man viel feinsinniger und aufmerksamer wird im Austausch von Informationen – das würde ich mir wünschen.
Oliver Reichenstein fürchtet an der KI, dass sie die Welt mit nichtssagenden Nachrichten zumüllen könnte – zum Beispiel mit Bildern wie diesem. Foto: Urs Jaudas, generiertes Bild: KI-Bildgenerator Dall-E 3 (Matthias Schüssler)
Webdesigner und App-Entwickler
Oliver Reichenstein, geboren 1971, studierte Philosophie in Basel und Paris. Nach einer Anstellung als Berater zog er 2003 nach Tokio, wo er die Agentur Information Architects gründete, die Websites für Medienunternehmen gestaltet – unter anderem den «Tages-Anzeiger», «Die Zeit» und «The Guardian». 2010 entwickelte er mit iA Writer eine der einflussreichsten Schweizer iPhoneund iPad-Apps. (red)

