Mit einer App machen Sie Ihre persönlichen Daten zu Geld
Unsere persönlichen Daten sind viel Geld wert. 3000 Franken könnte jeder von uns pro Jahr verdienen – so viel hat Hannes Grassegger in seinem Buch «Das Kapital bin ich» veranschlagt. Stattdessen geben wir diese Daten gratis her. Wir tauschen sie ein für die Möglichkeit, soziale Netzwerke, Internet-Suchmaschinen, Apps und Websites zu nutzen. Der Nachteil für uns liegt darin, dass wir über den Wert unserer Daten im Unklaren gelassen werden und unsere digitale Haut zu günstig zum Markt tragen.
Ein erstes Umdenken haben vor fünf Jahren die Fitness-Apps der Krankenkassen bewirkt: Regelmässige Bewegung belohnt die Versicherung mit Gutscheinen oder Prämienrabatten. Das ist ein Anreiz für gesunde Verhaltensweisen. Vor allem ist es jedoch eine Entschädigung für die bereitgestellten Daten.
Der nächste Schritt liegt auf der Hand: Wir verkaufen unsere Daten direkt und handeln den besten Preis aus. Diese Einnahmen setzen wir ein, um für Suchmaschinen, soziale Netzwerke und Apps zu bezahlen. Der Vorteil gegenüber dem bisherigen System besteht darin, dass wir die volle Kontrolle behalten.
In diese Richtung geht die Idee eines Berner Start-ups. Es verspricht «Fairtrade für Daten». Es hat die App Bits About Me für Android und iPhone lanciert. Mit ihr stellen Sie persönliche Daten zur Verfügung, die Organisationen in anonymisierter Form für Marktforschungszwecke oder wissenschaftliche Studien erwerben können. Als Gegenleistung erhalten Sie Geld in Form von Rückzahlungen auf Einkäufe.
Die App lässt sich mit vielen Datenquellen verbinden. Von Amazon bis Zalando sind alle Internetriesen dabei. Vor allem ist sie an unseren Konsumgewohnheiten interessiert: Sie verbindet sich mit dem Cumulus-Konto von Migros beziehungsweise mit dem Supercard-Account von Coop. Im Gegenzug für diese Informationen gibt die App bei Lebensmitteleinkäufen einen Cashback von 0,5 Prozent auf den Einkaufswert. Wenn wir gewillt sind, unser Bankkonto zu verbinden, belohnt das die App mit einer Erhöhung des Cashbacks auf ein Prozent.
Ist das «Fairtrade für Daten»? Manche Leute werden die Sparmöglichkeit zu schätzen wissen. Doch für mich ist die Antwort ein klares Nein: Wenn ich meine finanziellen Verhältnisse offenlege, muss mehr herausspringen als ein Rabatt auf Lebensmitteleinkäufe – deutlich mehr. Ich würde das nur tun, wenn für jeden Monat, für den ich den Zugriff gewährte, ein vorher ausgemachter Betrag bezahlt würde. Und der müsste mindestens so hoch sein, dass er Netflix, Spotify, mein Microsoft-365-Abo und meine anderen digitalen Dienstleistungen abdecken würde.
Lieber Cash statt Cashbacks. Ich rechne es der App hoch an, dass sie mich zwingt, über den Wert meiner Daten nachzudenken. Das ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt Datenschutz in eigener Sache betreiben kann. Aber den Paradigmenwechsel bringt die App nicht. Statt des klaren Deals «Geldbetrag X für Datenlieferung Y» hat sie das indirekte Modell über Cashbacks gewählt. Das macht es Nutzerinnen und Nutzern zu schwer, abzuschätzen, worauf sie sich einlassen und was es bringt.
Die App hat ein zweites Standbein: die Datenanalyse. Sie wertet anhand der gekauften Esswaren die Ernährungsgewohnheiten aus und ermittelt den CO₂-Fussabdruck. Dieser Emissionsrechner ist informativ. Doch auch er will mich dazu bringen, mein Bankkonto zu verbinden. Er verspricht, dass die Berechnungen präziser würden. Das mag sein. Allerdings betreibt Bits About Me damit das klassische Geschäftsmodell von Google und Facebook, das Informationen, aber kein Geld für Daten bietet.
Leider keine digitale Revolution. Damit wir die Hoheit über unsere Daten gewinnen würden, bräuchte es eine Art Börse für digitale Daten. Und die harrt noch ihrer Erfindung.
Matthias Schüssler ist Digitalredaktor der SonntagsZeitung.

