Software Kaspersky
Warnung vor russischem Virenschutz – was ist davon zu halten?
Deutschland warnt vor den auch in der Schweiz verbreiteten Sicherheitsprogrammen. Eine Einschätzung und Tipps zu sicheren Alternativen.
Matthias Schüssler
Darf man russischer Software noch vertrauen? Seit dem Beginn der Ukraine-Invasion ist das eine brennende Frage bei Leserinnen und Lesern. Russische Programme sind hierzulande nicht verbreitet, mit einer grossen Ausnahme: Der Virenscanner von Kaspersky Lab steht gemäss einer Statistik von 2021 auf Platz vier hinter Symantec, McAfee und Malwarebytes.
Meine Antwort war bislang, dass mir keine Belege dafür vorliegen, dass die Software nicht mehr zuverlässig ist. Doch der Entscheid für eine Sicherheitssoftware ist Vertrauenssache. Ein Produkt mit einem schlechten Gefühl zu nutzen, ist nicht sinnvoll – die Deinstallation dann der bessere Weg.
Könnte für Angriffe missbraucht werden
Doch diese Woche hat sich die Situation geändert: Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat am Dienstag eine explizite Warnung ausgesprochen. Die basiert zwar auch nicht auf konkreten Anzeichen, dass die Software durch staatliche Stellen oder Geheimdienste bereits missbraucht würde. Aber weil die Software eine verschlüsselte und von aussen nicht überprüfbare Verbindung zu den Servern aufbaut, wäre das möglich: «Ein russischer IT-Hersteller kann selbst offensive Operationen durchführen, gegen seinen Willen gezwungen werden, Zielsysteme anzugreifen, oder selbst als Opfer einer Cyberoperation ohne seine Kenntnis ausspioniert oder als Werkzeug für Angriffe gegen seine eigenen Kunden missbraucht werden», erklärt das BSI.
Kaspersky hält die Warnung des BSI für rein politisch und betont in einem Statement, dass die Datenverarbeitung nicht in Russland, sondern in zwei Rechenzentren in Zürich stattfinde und die Software von unabhängigen Experten überprüft und zertifiziert werde. Der Umzug von Moskau in die Schweiz war 2018 erfolgt, nachdem der damalige US-Präsident Trump den Behörden untersagt hatte, Kaspersky-Software einzusetzen. Zu diesem Konflikt gehört auch, dass Kaspersky ein Spionageprogramm der US-Überwachungsbehörde NSA entdeckt und das publik gemacht hatte.
Kasperskys Bemühen um Transparenz und Vertrauen wirkt glaubhaft. Dennoch hat sich mit der Invasion in der Ukraine die Situation grundlegend verändert. Die Warnung des BSI lässt sich nicht wegdiskutieren: Ein Schutzprogramm gegen Viren und Schadsoftware greift tief ins System ein und ist ständig aktiv. Es wäre ein idealer Kandidat für einen Cyberangriff. Die Software präventiv aus dem Verkehr zu ziehen, ist vernünftig.
Wenn Sie sich für eine Trennung von Kaspersky entscheiden, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht: Erstens die schlechte: Es ist wichtig, die Software sauber zu deinstallieren, weil Überbleibsel die Stabilität beeinträchtigen könnten. Entfernen Sie das Programm über die Windows-Einstellungen bei «Apps > Apps und Features». Prüfen Sie, dass Sie alle Komponenten erwischt haben, weil grössere Softwarepakete manchmal mehr als einen Eintrag in der Liste hinterlassen. Eine Anleitung des Herstellers finden Sie hier.
Die gute Nachricht ist, dass Sie bei Windows kein neues Produkt kaufen müssen. Microsofts Virenscanner, der seit Windows 8 im System integriert ist, erfüllt den Zweck bestens: Neue Vergleichstests zeigen, dass er sich auf Augenhöhe mit kommerziellen Produkten befindet. Sie müssen nach der Deinstallation eines Virenscanners aber sicherstellen, dass er eingeschaltet ist: Geben Sie ins Suchfeld «Windows-Sicherheit» ein, öffnen Sie die gleichnamige App und sehen Sie bei «Viren- und Bedrohungsschutz» nach, ob es dort ein grünes Häkchen hat.
Im Gegensatz zu Russland gibt es aus der Ukraine eine bunte Palette an Apps: Das Entwicklerstudio Readdle gehört mit seiner Kalender-App Calendars 5 und dem iPad-Dateimanager Documents zu den bekanntesten.
Vielen Mac-Anwendern ist Macpaw ein Begriff, ein Unternehmen aus Kiew, das unter Setapp.com eine grosse Anzahl von populären Mac-Apps zum Flatrate-Preis anbietet. Ausserdem ist Macpaw der Hersteller von Cleanmymac. Dieses Programm verspricht, den Mac aufzuräumen – und auch wenn es eher in die Kategorie des digitalen Schlangenöls gehört, spricht nichts dagegen, es als Solidaritätsbekundung zu erwerben.

