Gadgets im Retro-Trend

Rückbesinnung auf alte Tugenden oder bloss Marketing-Furz?

Logitech lanciert eine Tastatur in der Tradition mechanischer Schreibmaschinen und Sennheiser einen Kopfhörer mit Kabel, aber ohne Bluetooth und Mikrofon. Was steckt dahinter?

Matthias Schüssler

Voll cool und voll im Trend? Die Pop Keys Mechanical von Logitech.

Leute, die analog fotografieren, Musik ab Vinylschallplatte oder mit dem Kassettenwalkman hören – und vielleicht auch eine Hornbrille tragen und ein Dreigang-Velo fahren – was treibt die an? Wollen die sich bloss wichtig machen, indem sie sich von der Masse abheben? Oder haben die kapiert, dass neu nicht automatisch besser heisst und nicht jeder Fortschritt eine echte Verbesserung bringt?

Die Hersteller jedenfalls haben den Retro-Trend erkannt und liefern auch im Hightechbereich genügend Produkte, um jedwede nostalgische Anwandlungen zu befriedigen. Als Rohrkrepierer würde ich das Mobiltelefon bezeichnen, das Nokia vor fünf Jahren lanciert hat. Das 3310 war eine Neuauflage eines Modells aus dem Jahr 2000 – charmant, aber mit seiner lahmen Datenverbindung und dem winzigen Display nicht alltagstauglich.

Denn nostalgisch angehauchte Technologie hat ihre Berechtigung. Sie konzentriert sich auf wesentliche Stärken und hat den Mut, Schnickschnack wegzulassen – wie etwa die Retrokamera Nikon Z fc, die dazu einlädt, Blende und Belichtungszeit von Hand einzustellen und sich nicht auf die Automatik zu verlassen. Damit das überzeugt, muss ein solches Gerät im Kernbereich 150-prozentig überzeugen – wie zwei aktuelle, unterschiedliche Beispiele zeigen:

Die Pop Keys Mechanical von Logitech

Folien- oder auch Membrantastaturen sind der Normalfall bei Computern und Laptops. Sie sind vergleichsweise leise und haben wenig Hub: Für einen Anschlag muss man die Taste nur eine kurze Distanz bewegen. Demgegenüber gibt es Tastaturen mit mechanischen Schaltern, den sogenannten Switches: Sie klappern deutlich lauter und vermitteln ein Tippgefühl, das eher an eine mechanische Schreibmaschine denn an ein Keyboard erinnert. Eine wachsende Fraktion von Fans schwört auf diese Tastaturen: Sie loben deren Langlebigkeit und Verlässlichkeit.

Altgediente Mechanik trifft auf ein topmodisches Design.
Foto: Matthias Schüssler

Hier sind die Switches, die mechanischen Schalter, gut zu erkennen.
Foto: Matthias Schüssler

Zur Tastatur gibt es auch die farblich passende Maus.
Foto: Matthias Schüssler

Das gab es bei der mechanischen Schreibmaschine der Grosseltern nicht: Extra-Tasten für Emojis.
Foto: Matthias Schüssler

Als bekannter Hersteller für Computerzubehör kann sich Logitech diesem Trend nicht verschliessen: Er hat kürzlich die Pop Keys Mechanical lanciert und dabei die Retrotechnik mit einem modischen Lifestyledesign verbunden: Die rund 90-fränkige Tastatur gibt es in drei quietschbunten Farbkombinationen. Am rechten Rand hat sie fünf Emoji-Tasten, über die man seine Lieblingspiktogramme mit einem Tastenschlag in Social-Media- und Chatnachrichten einfügt. Da sich die Kappen der Tasten austauschen lassen, kann man die Emojis auch durchwechseln.

Verdikt: Die Logi-Tastatur ist ein charmantes, auffälliges Produkt, aber die Herzen der echten Fans wird sie nicht erobern: Die kaufen eine mechanische Tastatur nicht ab Stange, sondern bauen sie aus eigens gewählten Komponenten selbst zusammen.

Der IE 600 von Sennheiser

Per 3-D-Drucker werden diese Ohrstöpsel gefertigt, und zwar aus Zirkonium ZR01. Das ist gemäss Pressemeldung ein Material, das so leicht und beständig ist, dass es die Nasa für den Mars Rover verwendet hat. Das ist nett, aber für den Nutzer entscheidend ist, was alles fehlt: Es gibt bei den IE 600 kein Bluetooth und kein Mikrofon, keine aktive Geräuschunterdrückung und keinen Transparenzmodus. Dieser Kopfhörer ist nicht zum Telefonieren und nicht für Videokonferenzen gedacht, sondern fürs Musikhören – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Zirkonium ZR01 ist leicht geriffelt und fühlt sich wertiger an als Kunststoff.
Foto: Matthias Schüssler

Das Kabel lässt sich ersetzen. Mitgeliefert wird auch eine Variante sogenanntem Pentaconn-Stecker. Er ist für die Verbindung mit hochwertigen Audiogeräten gedacht.
Foto: Matthias Schüssler

Eine Kunst für sich: Die Stöpsel korrekt ins Ohr zu bekommen.
Foto: Matthias Schüssler

Die Schalen kommen aus dem 3D-Drucker, eine individuelle Anpassung ans Ohr plant Sennheiser derzeit aber nicht.
Foto: Matthias Schüssler

Mit seinem Kabel erinnert er mich an die Kopfhörer, die ich vor zehn Jahren verwendet habe. Dieses Retrogefühl ist jedoch nur eine Nebenwirkung, sodass sich der Hersteller einen klaren Fokus gesetzt hat, nämlich, die audiophile Nutzerschaft zufriedenzustellen. Und das ist gelungen: Die IE 600 klingen so gut, wie ein In-Ear-Kopfhörer klingen kann – und er ist eine gute Wahl für Leute, die nicht mit einem Bügelkopfhörer herumlaufen wollen, Ohren besitzen, die anatomisch mit den klassischen Ohrstöpseln kompatibel sind – und gewillt sind, 799 Franken auszugeben.

Verdikt: Die Beschränkung auf wesentliche Funktionen wirkt anachronistisch. Aber wenn man weiss, worauf man Wert legt, ist das ein wohltuender Gegentrend zu den eierlegenden Wollmilchsauen, mit denen die Techkonzerne normalerweise punkten wollen.

 

Quelle: Newsnetz, Donnerstag, 3. März 2022

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