Die vielen Facetten des Mitmach-Web

Abseits von Facebook Vor zwanzig Jahren sollte das Web 2.0 die Medien revolutionieren und jedem von uns eine Stimme verleihen. Die sozialen Medien haben den Traum des demokratischen Internets nicht erfüllt, doch jeder findet die angemessene Ausdrucksform.

Matthias Schüssler

Klassische Medien haben eine klare Rollenverteilung: Auf der einen Seite befinden sich die Macher, die die Macht über die Druckerpressen und Rundfunkantennen innehaben. Auf der anderen Seite stehen die Konsumenten, die innerhalb des Angebots ihre Wahl treffen können, sich jedoch abgesehen von Leserbriefen nicht zu Wort melden dürfen.

Das Internet hat diese Zweiteilung über den Haufen geworfen: Im Web ist niemand zum passiven Konsum verdammt. Jeder, der will, kann seine Meinung kundtun. Wie sehr diese neuen Möglichkeiten die Welt verändern würden, ist der Menschheit vor zwanzig Jahren aufgegangen. 2002 hat ein Blogger zum ersten Mal als vierte Gewalt im Staat gewirkt: Josh Marshall hat den US-Senator Trent Lott auf Talkingpointsmemo.com wegen rassistischer Äusserungen zur Rede gestellt. Nachdem die traditionellen Medien die Vorwürfe aufgegriffen hatten, musste Lott als Fraktionsführer zurücktreten.

Das nannte sich damals Demokratisierung der Medien, Graswurzel-Journalismus oder kurz und knapp Web 2.0. Diese zweite Version sollte im Unterschied zur ersten interaktiv sein und eine Mitbeteiligung der Nutzer ermöglichen. Der Begriff des Web 2.0 wurde schon 1998 geprägt, etablierte sich aber erst nach der Jahrtausendwende. Ein Meilenstein in der Entwicklung war 2001 der Start von Wikipedia als Onlinelexikon, das von den Nutzern geschrieben wird. Ein weiterer erfolgte 2002, als die «New York Times» die Blogs als ernsthafte Medienform anerkannte, die sich im Nachgang zu den Terroranschlägen von 9/11 etabliert hatte. Hierzulande bekamen die Medien ungefähr 2005 und 2006 Wind von der Sache. Der «Spiegel» schrieb, der «Schaukasten werde zum Baukasten», und prägte die Bezeichnung des Mitmach-Web.

Heute sprechen alle von den sozialen Medien. Das Web 2.0 ist im Schatten von Facebook und Twitter fast in Vergessenheit geraten, und die Begeisterung über die Demokratisierung des Wissens und der Medien ist der Ernüchterung über Fake News und Desinformation gewichen. Das lässt ausser Acht, dass in den letzten zwanzig Jahren eine vielfältige Landschaft an Mitmach-Bühnen entstanden ist – und zwar für jedes Talent und Temperament.

— Blogger: Unverdrossene Einzelkämpfer

Der Weblog ist die Urform des nutzergetriebenen Internets: Er ist genauso alt wie das Web selbst, weil dessen Erfinder, Tim Berners-Lee, auch eine eigene Site betrieben hat, die damals zwar noch nicht Blog genannt wurde, nach heutigen Massstäben aber die Kriterien dafür erfüllte.

Seit ungefähr 2014 werden diese Onlinetagebücher totgesagt. Das liegt daran, dass die Community von Bloggern, die sich gegenseitig unterstützte und fleissig las, inzwischen fast verschwunden ist. Das heisst aber nicht, dass Sie nicht nach wie vor bloggen können: Auf WordPress.com eine eigene Site einzurichten, ist eine Frage von wenigen Klicks. Wenn Sie eine Website betreiben wollen, richten Sie die über einen Webhosting-Anbieter ein und haben dort die Möglichkeit, per Mausklick eine Blogging-Software zu installieren.

Der Vorteil des eigenen Blogs besteht auch heute noch darin, dass Ihnen niemand vorschreiben kann, was Sie (im Rahmen der Gesetze) auf Ihrer eigenen Website tun oder lassen. Als Preis dafür, dass Sie sich nicht einer grossen Plattform anvertrauen, müssen Sie sich selbst darum kümmern, zu Leserinnen und Lesern zu kommen: Dafür brauchen Sie Themen, die via Suchmaschinen auf Interesse stossen, sowie den Durchhaltewillen, auch regelmässig zu publizieren – etwas für entschlossene Einzelkämpfer.

— Podcaster: Mitteilsame Gemüter

Podcasts gibt es schon seit zwanzig Jahren, doch ihren ersten Durchbruch erlebten sie 2005, als Apple die Technologie in die Musiksoftware iTunes einbaute und es einfach machte, die Audio-Episoden auf den iPod zu bringen.

Seit fünf Jahren erleben die Podcasts einen Boom, mit einem rasant wachsenden Angebot. Das macht den Kampf um die Aufmerksamkeit härter: Wenn Sie heute Ihre eigene Show starten, müssen Sie sich etwas einfallen lassen, um aus dem riesigen Angebot herauszustechen.

Wenn Sie redegewandt sind und etwas zu erzählen haben, dann bietet das Podcasting ideale Voraussetzungen. Kein Wunder, dass einige ehemalige Blogger abgewandert sind, etwa der Schweizer Telecomexperte Jean-Claude Frick, der seinen Blog ifrick.ch seit 2018 verwaisen lässt und seine Energie in den Apfelfunk-Podcast investiert.

— Youtuber und Tiktoker: Selbstdarsteller mit Liebe fürs globale Rampenlicht

Die Videoplattformen sind ein ideales Tummelfeld für Leute, die nicht nur mit einem robusten Sendungsbewusstsein gesegnet sind, sondern auch ein Talent zur Selbstdarstellung haben. Youtube und Tiktok machen es nicht nur einfach, die Videos zu publizieren, sondern vermitteln auch gleich das Publikum und Werbeeinnahmen. Wenn Ihr Video vorgeschlagen wird oder automatisch in der Wiedergabeliste auftaucht, kann das einen erheblichen viralen Effekt zur Folge haben.

Das ist indes die Ausnahme: Die allermeisten Videos, nämlich fast 90 Prozent, bleiben unter 1000 Views. Zu der Kehrseite gehört auch eine Abhängigkeit: Bei Youtube und Tiktok suchen Sie sich Ihr Umfeld nicht aus, denn wo Ihre Videos erscheinen, wird von den Algorithmen bestimmt.

— Lexikonautoren: Stille, altruistische Aufklärer

Wenn Sie sich nicht ins Rampenlicht stellen mögen, aber trotzdem ein grosses Publikum anpeilen, dann werden Sie Autor bei Wikipedia: Mit Beiträgen zu gefragten Themen erzielen Sie Millionen von Klicks im Jahr. Auch die weniger populären Lexikoneinträge sind Teil eines der grössten Menschheitsprojekte. Sie brauchen für diese Betätigung das entsprechende Fachwissen, den Willen, neutral und nüchtern Informationen zu vermitteln, und die Bereitschaft, hinter die Sache zurückzutreten.

Der Einstieg als Wikipedia-Autor ist einfach: Sie können beispielsweise damit beginnen, zu kurz geratene Beiträge zu erweitern oder Qualitätsmängel zu beheben.

— Kritiker beim Onlineshop: Opinionleader mit beträchtlicher Wirkung

Ein Millionenpublikum erreicht auch, wer Rezensionen schreibt. Und nicht nur das: Wenn Sie Ihre Aufgabe sachlich und informativ erfüllen, können Sie damit rechnen, einen massgeblichen Einfluss auf die Kaufentscheidungen von Onlineshoppern zu haben. Ob Sie nun Bücher und Produkte bei Amazon, Brack, Digitec oder Galaxus besprechen, Apps für Google und Android rezensieren oder Beurteilungen für die Filmplattform IMDB schreiben, Sie können ähnlich viel Gewicht haben wie die Kritiker im klassischen Feuilleton. Allerdings müssen Sie sich damit abfinden, ein Marketinginstrument für den Onlineshop zu sein.

— Autor bei Literatur-Communitys: Fabulierer mit (kleiner) Chance auf einen Buchvertrag

Es gibt noch viele weitere Plattformen für Nutzerinhalte: Flickr, Pexels oder Unsplash für Fotos oder ein Telegram-Kanal für politische Agitatoren. Wenn Sie die Konstitution eines intellektuellen Marathonläufers haben, dann betätigen Sie sich auf Fanfiction.net, Wattpad.com oder Belletristica.com: Das sind Communitys, in denen Sie literarische Werke veröffentlichen. Auf der erstgenannten gibt es «Fan Fiction», also Geschichten, die eine bekannte Vorlage weiterspinnen – beliebte wiederverwendete Motive stammen aus «Harry Potter», «Star Trek» und «Sherlock Holmes». Auf den beiden anderen Plattformen veröffentlichen Sie Ihre eigenen Werke – gleichgültig, in welchem Genre Sie sich betätigen und ob Sie sich eine Kurzgeschichte oder eine Saga ausgedacht haben. Bei Wattpad besteht – angeblich – die Möglichkeit, von einem Verlag oder Filmstudio entdeckt zu werden.

Im Netz muss niemand nur konsumieren: Jeder kann schreiben, reden oder senden. Foto: Westend61, Getty Images

Hilfsmittel für den Podcasting-Einstieg

Nach Schätzungen gibt es inzwischen fast zwei Millionen Podcasts. Denn in den Jahren hat sich die Hörerzahl vervielfacht. In den USA ist sie von 9 Prozent 2009 auf 41 Prozent im letzten Jahr gewachsen. Dank dem Smartphone und den Streamingdiensten sind die Hürden fürs Zuhören gesunken: Seit 2018 sind die allermeisten Sendungen über die Spotify-App abrufbar.

In der gleichen Zeit hat sich auch viel für die Produzenten getan: Spotify hat 2019 Anchor.fm übernommen. Dieser Dienst unterstützt die Podcast-Macher sowohl bei der Produktion als auch bei der Distribution. Es gibt inzwischen auch auf die Bedürfnisse der Podcaster zugeschnittenes Equipment. Logitech hat 2018 den 1995 gegründeten Mikrofonhersteller Blue übernommen, um Podcaster, Gamer und Livestreamer ausrüsten zu können.

Das aktuelle Modell Yeti X erfüllt diese Aufgabe ordentlich: Es ist mit einem Preis von 160 Franken erschwinglich und kann per USB-Anschluss ohne externe Hardware mit dem Computer verbunden werden. Der Klang ist etwas basslastig, aber für den Preis in Ordnung. Das Mikrofon zeigt den Pegel mit LED-Lämpchen an. Es hat einen Knopf, mit dem man die Aussteuerung regelt und es während der Aufnahme für Räusperer und Huster kurz stumm schaltet. Ausserdem lässt sich die Aufnahmecharakteristik anpassen, je nachdem, ob man als einzelner Sprecher davor- oder in einer Gruppe darum herumsitzt. (schü)

Quelle: Tages-Anzeiger, Mittwoch, 2. Februar 2022

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