Mein Tag auf Clubhouse

Hype um neue App Per Audio am globalen Lagerfeuer bei allen möglichen Themen mitdiskutieren: Unser Autor hat sich mit der neuen Social-Media-App von einem Gespräch zum nächsten gezappt.

Matthias Schüssler

Montagmorgen, 7.45 Uhr

Hätte die neue Hype-App Clubhouse eine Hymne, sie käme von den Rolling Stones: «You don’t always get what you want». Ich wünsche mir Motivation für den Wochenstart, doch das Diskussionsgrüppchen im Raum Before I go to bed steckt noch im Sonntagabend fest. Es sitzt mehrheitlich an der US-Westküste und ist gar nicht schlafensmüde. Ich komme mirvor wie einst, als ich mit dem Kurzwellenradio meiner Grosseltern im globalen Äther auf Entdeckungstour ging. Ausser, dass ich mich nun ins Gespräch einklinken könnte, wenn mir danach wäre.

9 Uhr

Die einheimischen Nutzer sind wach. Im Raum Mentig, aber mir si gliich ufgstande ist nebst anderen Technik-Bloggern Kevin Kyburz zugegen. Es geht, wie häufig, um die neue App selbst. Es wird der Clubhouse-Knigge diskutiert. Darf man ohne Verabschiedung aus einem Gespräch rauslaufen? Natürlich, dafür ist der «Leave quietly»-Knopf da.

9.15 Uhr

Im Ruheraum mit 32 Teilnehmern die Stille geniessen: die höchste Form von Social Media.

9.37 Uhr

Im Raum World Record for Charity werden in einem Marathon alle «Harry Potter»-Bände gelesen. Im Moment stecken sie bei Kapitel acht aus dem Buch «Order of the Phoenix», das passenderweise «The Hearing» heisst. Sheera ist keine professionelle Sprecherin, liest aber engagiert genug, dass ich vom Clubhouse-Enthusiasmus gepackt werde: gemeinsames Geschichtenerzählen am globalen Lagerfeuer: grossartig!

9.52 Uhr

Frühstück mit der FDP. Ich erwische nur das Ende und erfahre, dass Präsidentin Petra Gössi nun einige Videoanrufe führen wird.

10.03 Uhr

In The future of Brands eruieren Marketing-Menschen Methoden, um Clubhouse für Vermarktungszwecke zu nutzen. Es herrscht ein rauer Umgangston. Mich beschleicht die Ahnung, dass Clubhouse den Weg von Instagram gehen könnte, wenn die Werbetreibenden übernehmen – und es zum Tummelfeld der Influencer wird.

10.09 Uhr

Journalistischer Kaffeeplausch mit Fernsehlegende Thomas Gottschalk. Er lässt sich über die Beziehung zwischen Promis und Medien aus: «Wenn ich meinen knackigen Hintern im Sommer im Mittelmeer versenke und mich von den Paparazzi fotografieren lasse, darf ich mich nicht wundern, wenn ich weinend am Grab meiner Eltern fotografiert werde.»

Bei ungefähr 1400 Leuten im Chat habe ich keine Chance auf eine Wortmeldung und verliere das Interesse, als sich Gottschalk fragt, ob Journalisten seine Aussagen hier aufgreifen werden. Das sei hiermit erledigt, Herr Gottschalk.

10.24 Uhr

Um die Seite des Moderators zu erleben, starten Kollege Rafael Zeier und ich einen namenlosen Raum und diskutieren aktuelle Digitalthemen. Das Publikum bleibt nicht aus: Nach einer Minute sind fünf Leute da, nach einer halben Stunde 70.

Als drängendstes Thema kristallisiert sich der Onlineunterricht an den Schulen heraus. Es entsteht ad hoc eine leidenschaftliche Diskussion, die einem geplanten Panel in nichts nachsteht: Digitalisierungsbefürworter, ein Lehrer, eine Schülerin, ein Schulleiter und ein Experte der Deutschen Telekom argumentieren faktenreich.

Die Lust auf dieses neue soziale Medium ist mit Händen greifbar. Sie wird befeuert durch den zunehmenden Frust über Facebook und Twitter. Aber wird sie auch anhalten?

11.30 Uhr

Die Diskussion in unserem Raum verselbstständigt sich endgültig, als Rafael und ich uns zum Mittagessen abmelden. Ich bin beeindruckt von Clubhouse als Crowdsourcing-Instrument, sehe aber die Gefahr der Bubble-Bildung: Es meldeten sich ein Dutzend Männer, aber nur eine Frau zu Wort.

12.14 Uhr

Clubhouse bleibt eine Wundertüte: Im Raum Lunch Talk: Fischbrötchen trifft sich die Hamburger Finanzbranche zu einem Plausch. Nebst dem Chef der Sydbank ist auch Thorsten Hahn mit dabei. Er ist Gründer des Bankingclubs, einer digitalen Community für die Finanzbranche. Es geht um Kredite an Unternehmen, die unter der Pandemie leiden.

12.55 Uhr

Im Raum Mittagspause läuft ein unverbindliches Gespräch in der virtuellen Kantine. Die Erkenntnis: Wenn man Mundart spricht, macht man das im Raumnamen durch eine Schweizer Fahne kenntlich. So läuft keiner gegen eine Sprachbarriere.

15 Uhr

Die Amerikaner sind wach, das Angebot wird grösser. In der Go to Hell Morning Show gibt es eine engagierte Diskussion unter schwarzen Frauen zu Identitätsfragen. 24 Leute sind als Sprecher markiert und dürfen sich ins Gespräch einbringen. Das überfordert mich: Solche Riesen-Panels lassen sich, wenn überhaupt, nur mit einer klaren Gesprächsführung in den Griff bekommen.

20 Uhr

Im Raum Wie wird man Kika-Moderatorin? geben Schauspieler und eine Moderatorin des Kinderkanals von ARD und ZDF Tipps, wie man zum Fernsehjob kommt. Sie liefern konkrete Antworten auf Fragen aus dem Publikum.

Es dürfte schwierig sein, auf anderem Weg so einfach an eine solche Beratung zu kommen. Aber Clubhouse-Gespräche werden nicht aufgezeichnet: Es bleibt Glückssache, gerade dann einen solchen Raum aufzuspüren, wenn man Beratungsbedarf hat.

22.20 Uhr

Ich ziehe die Reissleine und klinke mich aus. Denn auch wenn das Angebot dünner wird, dient mir ein Kollege vom «Blick» als warnendes Beispiel: Er hat in der Nacht zuvor den Absprung nicht geschafft und sich die Nacht um die Ohren gehauen.

In Clubhouse beteiligt man sich an Live-Gesprächen, die in einem der unzähligen virtuellen Räume stattfinden. Foto: Matthias Schüssler

Quelle: Tages-Anzeiger, Mittwoch, 27. Januar 2021

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