Datenschutz bei Chat-Apps

So glückt die Abkehr von Whatsapp

Seit der ehemalige Shootingstar unter den Chat-Apps neue Nutzungsbestimmungen durchdrückt, ist Whatsapp bei vielen unten durch. Ein Wechsel drängt sich auf – zumal es hervorragende Alternativen gibt.

Matthias Schüssler

Warum ist Whatsapp nicht mehr cool?

Whatsapp hat seinen Usern neue Nutzungsbestimmungen unterbreitet. Diese erlauben es dem zu Facebook gehörenden Chatprogramm, Informationen mit dem sozialen Netzwerk auszutauschen. Das bedeutet nicht, dass alle Nachrichten bei Facebook landen: Das ist technisch nicht möglich, da die Kommunikation verschlüsselt übertragen wird. Dennoch gelangt Facebook in Besitz von vielen Metadaten, zum Beispiel, wer mit wem kommuniziert.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg, hier bei einer Entwicklerkonferenz 2015, führt seine Apps zusammen.

Das ist ein Ärgernis für datenschutzbewusste Nutzer – zumal Facebook bei der Übernahme von Whatsapp 2014 versprochen hatte, die beiden Dienste würden getrennt bleiben. Bislang konnte man diesem Datenaustausch widersprechen. Doch nun macht Facebook ernst: Wer mit einer zusätzlichen Gnadenfrist von drei Monaten den neuen Nutzungsbestimmungen nicht zustimmt, kann die App nicht mehr weiter nutzen.

Wie Sie Freunde vom Wechsel überzeugen

Es gibt mehrere Instant-Messenger, die als Ersatz dienen können. Diese stehen Whatsapp in nichts nach und haben teils sogar mehr zu bieten. Die Herausforderung ist allerdings, dass man auch seine Freunde und Kommunikationspartner zu einem Wechsel bewegen muss – und dazu muss man unter Umständen einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Denn nicht jeder teilt die Bedenken und verspürt Lust, sich an eine neue App zu gewöhnen oder eine kostenpflichtige App wie Threema zu erwerben.

Wie wenig Whatsapp die Privatsphäre respektiert, zeigt auch dieses Video.
Video: Matthias Schüssler

Die radikale Methode ist, sich mit einer letzten Botschaft zu Wort zu melden, in der man erklärt, man sei künftig nur noch über die neue App erreichbar. Doch wir empfehlen den argumentativen Weg: Von den Vorteilen des grösseren Datenschutzes lassen sich die meisten Gesprächspartner überzeugen, selbst wenn es sich um eingefleischte Facebook-Fans handelt.

Sollte ein Wechsel an den Kosten scheitern – Threema kostet um die drei Franken –, können Sie die App auch verschenken: Für Nutzer des iPhone ist das unkompliziert über den App Store möglich: Tippen Sie auf das «Teilen»-Symbol und wählen Sie «App verschenken» aus dem Menü. Bei Android ist das Verschenken etwas komplizierter; die Anleitung finden Sie unter Shop.threema.ch. Beachten Sie, dass das Verschenken über Landesgrenzen hinweg nicht möglich ist.

Die Schweizer Alternative: Threema

Die in der Schweiz entwickelte Messenger-App ist hierzulande populär, gehört global gesehen aber zu den kleinen Whatsapp-Konkurrenten. Der grösste Vorteil ist, dass dieser Messenger eine Anmeldung nicht nur ohne E-Mail-Adresse, sondern auch ohne Handynummer zulässt. Das verbessert nicht nur den Datenschutz und lässt sogar eine anonyme Verwendung zu. Es ermöglicht es auch, den Messenger auf von Kindern ohne SIM-Karte genutzten Geräten zu installieren.

Auch Videoanrufe sind mit Threema möglich.

Auch Zugriff auf das Adressbuch muss man Threema nicht gewähren. Wenn man den verweigert, muss man allerdings seine Kommunikationspartner manuell hinzufügen, indem man die aus acht zufällig ausgewählten Zeichen bestehende Threema-ID allen Freunden und Bekannten zukommen lässt – zum Beispiel als letzte Nachricht auf Whatsapp.

Bei Threema werden die Nachrichten nach der Zustellung aus der Cloud gelöscht. Daher ist die Datensicherung wichtig, denn sollte das Smartphone abhandenkommen, sind auch die Chats, Kontakte und Gruppen verloren. Die Datensicherung wird bei «Mein Profil» über «Threema Safe» aktiviert. Sie können für die Datensicherung sogar einen eigenen Server angeben.

Threema erlaubt Sprach- und Videoanrufe und lässt sich auch am Computer über den Browser nutzen. Um diese Funktion zu aktivieren, öffnen Sie die Einstellungen, aktivieren die Funktion bei «Threema Web» und folgen der Anleitung.

Von Snowden empfohlen: Signal

Signal geniesst in Sachen Sicherheit und Schutz der Privatsphäre einen hervorragenden Ruf. Dazu trägt bei, dass Whistleblower Edward Snowden die App seit Jahren nutzt und empfiehlt. Aber nicht nur: Die App ist Open Source, und das Nachrichtenprotokoll wurde von unabhängiger Seite überprüft. Ein Nachteil ist bei dieser App, dass man seine Telefonnummer hinterlegen muss und sie auch das Adressbuch des Telefons ausliest. Allerdings werden die Kontakte nicht auf den Signal-Servern gespeichert.

Whistleblower Edward Snowden – hier 2019 als Teilnehmer per Videokonferenz an einer Konferenz in Lissabon – ist ein Verfechter des Messengers Signal.

Auch mit Signal sind Sprach-, Videoanrufe und Gruppenanrufe möglich. In der Chatübersicht erscheinen durch Wischen praktische Befehle: Mit Wischen von links nach rechts haben Sie die Möglichkeit, wichtige Chats oben an der Liste anzuheften oder eine Konversation als ungelesen zu markieren – das erinnert Sie daran, wenn Sie noch eine Antwort schuldig sind.

Signal konnte in den letzten Tagen und Wochen mit vielen Neuanmeldungen von der Whatsapp-Müdigkeit profitieren. Das hatte auch negative Auswirkungen, die Server waren in den letzten Tagen teils überlastet.

Der grösste Gewinner der Whatsapp-Müdigkeit: Telegram

Den grössten Zuwachs konnte der russische Messaging-Dienst Telegram erzielen: Er hat in den letzten Tagen die 500-Millionen-Nutzer-Grenze geknackt, innert 72 Stunden seien 25 Millionen neue Anwender dazugekommen, hat der Gründer Pawel Durow geschrieben.

Telegram ist eine komfortable App mit einem grossen Funktionsumfang, beispielsweise den bunten Stickerbildern, mit denen man Nachrichten aufpeppen kann.

Doch sie steht aus zwei Gründen in der Kritik. «Man macht sich als Nutzer quasi komplett nackig», moniert der Sicherheitsexperte des Techmagazins Heise.de, der nachgewiesen hat, dass die ganzen Chatverläufe auf den Servern des Betreibers gespeichert sind. Die zweite Kritik rührt daher, dass Telegram zunehmend auch von Extremisten aller Art, etwa von Jihadisten und Rechtsextremen benutzt wird, die teils riesige Gruppenchats unterhalten. Die Non-Profit-Organisation Coalition for a Safer Web hat eine Klage angestrengt, mit der Apple gezwungen werden soll, die App aus dem Store zu werfen.

Und was passiert am Ende mit Whatsapp?

Wenn Sie es geschafft haben, mit Ihren Freunden und Chatgruppen auf eine neue App zu wechseln, können Sie Whatsapp löschen. Sicherer ist allerdings, erst das Nutzerkonto und dann die App zu beseitigen. Das tun Sie in der App bei Einstellungen > Account > Meinen Accout löschen. Unterhaltungen, die Sie nicht verlieren möchten, exportieren Sie vorher: Tippen Sie am oberen Rand auf den Namen des Kontakts oder der Gruppe und betätigen Sie den Befehl «Chat exportieren».

Seit 2012 gibt es die Schweizer Messenger-App – dank WhatsApp-Müdigkeit besteht nun die Chance auf Wachstum.
Bild: PD

Quelle: Newsnetz, Dienstag, 19. Januar 2021

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Thema: Newsnetz
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