So wird das Internet der Dinge scheitern

Analyse Philips hat schlechte Nachrichten für Besitzer eines Hue-Beleuchtungssystems der ersten Generation. Der Hersteller kündigte an, die Bridge der ersten Generation nicht weiter zu unterstützen. Ab Ende April lässt sich das fünf Jahre alte System nur noch eingeschränkt nutzen. Die Bedienung von ausserhalb des Heim-WLAN oder über einen Sprachassistenten ist nicht mehr möglich.

Auch Lautsprecherhersteller Sonos hat Probleme, ältere Modelle auf der Höhe der Zeit zu halten: Geräte, die vor zehn oder mehr Jahren lanciert wurden, funktionieren isoliert zwar weiterhin einwandfrei. Doch sie arbeiten nicht mit modernen Speakerboxen und zeitgemässen Technologien wie Airplay 2 zusammen. Als Lösung hat Sonos den «Recycling-Modus» eingeführt: Er sollte ältere Lautsprecher irreversibel deaktivieren. Kunden, die ihn einschalteten, erhielten einen Rabatt von 30 Prozent auf einen neuen Lautsprecher.

Wie zu erwarten war, gab es harsche Reaktionen: Es widerspreche jedem Umweltgedanken, völlig intakte Hardware per Update zu zerstören, kritisierten Nutzer auf Twitter. Sonos verteidigte sich, man habe verhindern wollen, dass unwissende Kunden einen nicht mehr voll funktionsfähigen Lautsprecher aus zweiter Hand erwerben würden. Trotzdem hat Sonos letzte Woche eingelenkt: Nutzer erhalten Rabatt, auch wenn sie ihre Box nicht unbrauchbar machen.

Die Abhängigkeit von der Cloud ist ein grundsätzliches Problem. Ohne die Anbindung an die Server funktionieren smarte Lautsprecher, Kameras, Lampen und Haushaltsgeräte nur eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr. Aber es ist aufwendig, diese Internetkomponente über Jahre oder Jahrzehnte zur Verfügung zu stellen und mit Updates die Kompatibilität und Sicherheit zu gewährleisten. Offensichtlich sind die Hersteller nicht gewillt, die Kosten unbeschränkt zu tragen. Und manchmal sind sie nicht in der Lage – zum Beispiel bei einer Insolvenz.

Die Kunden werden ihrerseits kaum einem Hersteller die Treue halten, wenn sie gerade gezwungen worden sind, ein völlig intaktes Gerät wegzuwerfen und zu ersetzen. Es ist klar: Das Internet der Dinge hat keine Existenzberechtigung, wenn es auf eine begrenzte Haltbarkeit (Obsoleszenz) und eine völlig antiquierte Wegwerfmentalität gründet. Die Hersteller müssen einen Weg finden, die Lebensdauer der Software an die Hardware anzupassen.

Der Weg dafür sind offene Standards: Wenn ein Produkt nicht von der proprietären Cloud des Herstellers abhängt, sondern auch mit alternativen Datenwolken harmoniert, dann kann es der Nutzer so lange weiterbetreiben, wie es ihm beliebt.

Matthias Schüssler

Quelle: Tages-Anzeiger, Mittwoch, 11. März 2020

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