Unterwegs fotografieren, zu Hause scharf stellen

Die Lichtfeldkamera korrigiert einen falsch gesetzten Fokus.

Von Matthias Schüssler

Die Kamera von Lytro ist ein unscheinbarer Klotz: elf Zentimeter lang, vier Zentimeter breit und ebenso hoch. Aber sie jagt gestandenen Fotografen einen Schauer über den Rücken.

Denn die Kamera setzt ein fotografisches Naturgesetz ausser Kraft. Bisher galt, dass ein Bild mit falschem Schärfepunkt ein missratenes Bild ist. Korrigieren lässt sich ein falsch sitzender Fokus nicht. Bei der Kamera des US-amerikanischen Start-up-Unternehmens ist das anders. Sie funktioniert plenoptisch und erfasst auf dem Sensor nicht nur die Intensität eines Lichtstrahls, sondern mittels Mikrolinsen auch dessen Richtung. Das erfasste Bild enthält keine zweidimensionale Abbildung, sondern ein «4-D-Lichtfeld». Das ist ein optisch komplexes Gebilde, in dem sich der Schärfepunkt verschieben lässt.

Das ist besonders spannend bei Makroaufnahmen oder bei gestaffelten Szenen, bei denen sowohl Vorder-, Mittel- als auch Hintergrund interessante Details enthalten. Zu beachten ist, dass es eine Naheinstellgrenze gibt – ganz dicht vor der Linse platzierte Objekte können nicht scharf gestellt werden. Die Kamera wird längs vors Auge gehalten. Es gibt einen Auslöseknopf und einen berührungsempfindlichen Bereich, über den man das achtfache Zoom steuert. Die Blende ist fix bei f/2, das Bildformat quadratisch. Auf einem kleinen Touchdisplay setzt man durch Antippen die Belichtung auf den gewünschten Punkt und wählt den Bildausschnitt.

Refokussieren mit der Maus

Mit einer Wischbewegung auf dem Display wechselt man zu den gespeicherten Aufnahmen, und man kann über das Touchdisplay den Schärfepunkt ändern. Um die Bilder am Computer zu betrachten, muss man die mitgelieferte Software verwenden; normale Programme können nicht mit Lichtfeldbildern umgehen. Im Lytro-Programm wählt man den Fokus per Mausklick. Um die Bilder anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen, lädt man sie in sein Benutzerkonto auf Pictures.lytro.com hoch. Über eine Flash-Anwendung werden sie im Browser dargestellt und wiederum per Maus refokussiert.

Die Lichtfeldkamera von Lytro ist solide verarbeitet, und sie funktionierte im Test einwandfrei. Nüchtern betrachtet sind ihre Einsatzmöglichkeiten jedoch beschränkt. In den allermeisten Situationen ist es völlig ausreichend, wenn der Fokus an einer Stelle sitzt – zum Beispiel auf der Nase des fotografierten Subjekts. Die Refokussierungsmöglichkeit fordert ihren Tribut. Obwohl die Bilddateien rund 16 MB gross sind, ergibt sich eine Auflösung von 1080 Pixeln pro Kante. Lichtfeldbilder lassen sich nur über die Lytro-Anwendung und die -Website betrachten. Man kann in der Bildübersicht der Software zwar normale JPG-Dateien exportieren. Diese haben dann einen fixierten Schärfepunkt.

Und trotzdem. Die Lichtfeldkamera ist ein wahr gewordener Science-Fiction-Traum. Sie weckt in einem das Gefühl, mit Technik tatsächlich einen Moment einfangen zu können, um sich in ihm zu verlieren.

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Lichtfeldfotos lassen sich nur im Web und in der Lytro-Software ansehen. Screen: TA

Hier sind die Blüten im Vordergrund scharf gestellt …

… und das gleiche Foto mit der Schärfe hinten auf der blauen Wand. Foto: schü.

Quelle: Tages-Anzeiger, Montag, 20. August 2012

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