Suchmaschine Google stimmt die Resultate der Websuche auf die Benutzer ab. Ist das sinnvoll?
Google hält uns nur noch den Spiegel vor
Von Matthias Schüssler
Google muss sozialer werden! Das war die unmissverständliche Forderung, die Larry Page im vergangenen April an die Belegschaft richtete. Die Boni aller Angestellten hat der Gründer und Geschäftsführer des Suchriesen an den Erfolg dieser Mission geknüpft. Denn Larry Page sieht Googles Vormachtstellung bedroht. Facebook wächst rasant und verwebt seine Plattform über den «Like»-Button mit immer mehr Sites im Netz. Über diesen allgegenwärtigen Knopf saugt Facebook viel «Content» auf seine Plattform. Viele Nutzer haben immer weniger Veranlassung, diese überhaupt noch zu verlassen.
Ein blaues Männchen
Eine Folge von Pages Aufruf war, dass Google Plus im Juni 2011 ans Netz ging. Dieses soziale Netzwerk ist eine Mischung aus Twitter und Facebook. Es hat inzwischen mehr als 60 Millionen Nutzer, und nun dürften es noch weit mehr werden: Denn letzte Woche hat Google die Suchmaschine Google.com mit Google Plus verbunden. «Search plus Your World» heisst das: In den Resultaten werden bei Nutzern von Google Plus passende Beiträge platziert, die Freunde geteilt, d. h. in diesem Kreis veröffentlicht haben. Diese sind über das Symbol eines blauen Männchens kenntlich, und sie können pro Suchlauf oder dauerhaft ausgeblendet werden.
Diese auf den ersten Blick nützliche Bereicherung treibt Technologie-Experten auf die Barrikaden. Google habe gerade Bing von Microsoft zur besten Suchmaschine gemacht, schreibt zum Beispiel Gizmodo.com. Kritisiert wird, dass Google nur seine eigenen Dienste einbindet (nebst Plus auch den Bilderdienst Picasa und Youtube). Twitter und Facebook werden nicht herangezogen, ein Umstand, über den sich Twitter bitterlich beschwert.
Kartellklage angezeigt?
Technologie-Analyst Om Malik wirft sogar die Frage auf, ob die amerikanische Regierung nicht mit einer Kartellklage einschreiten müsste – so wie einst gegen Microsoft, nachdem der Softwarekonzern den Internet Explorer – unter Ausnutzung seiner Dominanz beim Betriebssystem – in eine krass bevorzugte Lage manövriert hatte.
Die zweite Frage ist, inwieweit soziale Inhalte dem Suchenden weiterhelfen. In einer idealen Welt wäre das der Fall – wenn man sich nur mit wohlinformierten Leuten umgibt, die ausschliesslich Relevantes von sich geben. Doch selbst wenn man als Kurator seines Bekanntenkreises alle Schwätzer und Dampfplauderer fernhält, würde das an einem grundsätzlichen Problem nichts ändern: dem Umstand, dass soziale Netze für Kommunikation in Echtzeit gemacht sind. Dort veröffentlichte Statusmeldungen sind oft schon Stunden später obsolet. Wenn sie Wochen später hochgespült werden, ist das weder nützlich, noch entspricht es der Absicht, mit der sie veröffentlicht wurden.
Relevanz wird bei Google über den «Pagerank» bestimmt. Das ist der Algorithmus, der den Namen des Gründers Larry Page trägt, und das unausgesprochene Vertrauen geniesst, dass er allen Content gleichbehandelt und so objektiv ist, wie das ein Softwarealgorithmus sein kann: Was bei Google zuoberst auftaucht, das muss wichtig sein – darauf konnte man sich bisher verlassen.
Gefangen in der Filterblase
Mit «Search plus Your World» ist das nicht mehr der Fall. Private Belanglosigkeiten werden in den Rang echter Informationen erhoben. Damit riskiert Google seinen Ruf als neutraler Informationsvermittler. Manche Nutzer mögen sich zwar freuen, dass ihr privates Katzenbild bei Google top ist – und womöglich nicht begreifen, dass andere Leute ihren Hund, Wellensittich oder Sportwagen sehen. Das ist das, was der US-Autor Eli Pariser eine «Filterblase» nennt. Der mündige Internetnutzer wird indes feststellen müssen, dass eine Suchmaschine nichts taugt, die ihm bloss den Spiegel vorhält. Nützlich ist eine Suchmaschine eigentlich nur dann, wenn sie Neues zutage fördert.
Was in sozialen Netzwerken veröffentlicht wird, dürfte für Suchende wenig nützlich sein.

