Microsoft hat das Jahrzehnt verschlafen. Von Matthias Schüssler

Erstickte Innovation

Das vergangene Jahrzehnt hat die digitale Welt verändert. Das Internet ist um ein Mehrfaches schneller geworden und allgegenwärtig. Die Hardware hat einen atemberaubenden Leistungssprung gemacht. Nicht einmal der letzte Technikmuffel wünscht sich sein Handy aus dem Jahr 2000 zurück – geschweige denn den Website-Look, der damals herrschte.

Allerdings haben viele Leute kein Problem mit dem acht Jahre alten Windows XP. Es hält sich trotz des neuen Windows 7 wacker. Das Gleiche gilt für Office. Office 2003, sechs Jahre alt, ist mit 65 Prozent Marktanteil noch immer die beliebteste Version von Microsofts Büropaket. Überall herrscht Fortschritt, ausser dort, wo Microsoft das Sagen hat. Man könnte das als Zeichen von Reife auslegen. Windows und Office gab es in den 90er- Jahren. Beide haben damals ihre grossen Entwicklungssprünge erlebt und sind längst gut genug für die tägliche Arbeit. Ständiges Updaten erübrigt sich.

Gegen diese Deutung spricht, dass in den letzten zehn Jahren nichts so konstant war wie die Kummerbox-Anfragen zu Microsofts Paradepferden: Windows leidet in allen Versionen darunter, auf die Dauer immer langsamer zu werden. Die Registry bleibt eine Brutstätte für böse Softwarekonflikte. Outlook ist weiterhin ein Moloch, der alles kann, aber seine Benutzer heillos überfordert. Generell verlangen Microsofts Produkte dem Anwender zu viel ab – zu viel Lernaufwand, zu viel Zeit bei Installation, Konfiguration und Fehlersuche.

Gleichzeitig führen andere vor, wie einfach die Dinge sein könnten. Google bringt täglich irgend einen simpel zu nutzenden Webdienst. Plattformen wie Twitter und Facebook revolutionieren die Kommunikation. Apple hat sich in den letzten zehn Jahren neu erfunden und exerziert mit den iPhone-Apps kindereinfache Software vor.

Daneben wirkt Microsoft wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert, als Geeks Software für Nerds programmierten (oder umgekehrt). Microsoft ist an Ort getreten. Schlimmer: Ihre Markt-Dominanz hat jegliche PC-Innovation erstickt. Das wichtigste Arbeitsinstrument der modernen Gesellschaft ist so benutzerunfreundlich wie anno 1995. Im neuen Jahrzehnt sollten die User das nicht mehr hinnehmen.

Quelle: Tages-Anzeiger, Montag, 21. Dezember 2009

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