Ein Sprung für Microsoft, ein Schritt für die User
Nächsten Dienstag kommt Windows Vista in den Handel. Microsofts neues Betriebssystem ist für die Zukunft gerüstet. Zukunftsweisend ist es nicht.
Von Matthias Schüssler
Windows Vista heisst die neue Version von Microsofts Betriebssystem, das am Dienstag in die Läden kommt. Der Nachfolger von Windows XP hat sechs Jahre Entwicklungszeit hinter sich, mehr als doppelt so viel wie ursprünglich geplant. Hunderte von Verbesserungen und neue Funktionen gibt es zu bestaunen.
Der Desktop scheint gläsern, Schaltflächen glühen bei Kontakt mit der Maus, Fenster erscheinen nicht aus dem Nichts, sondern werden elegant eingeblendet. Die neue Seitenleiste sorgt für Abwechslung auf dem Desktop und bietet allerlei Informationen dar. Eine Vorschau auf Dokumente und Programme im Explorer und die allenthalben anzutreffende Suchfunktion sind darum besorgt, dass das neue Betriebssystem seinem Namen gerecht wird. «Vista» steht für Klarheit und Übersicht, hat Microsoft während der achtmonatigen Suche nach der passenden Bezeichnung herausgefunden.
Die wichtigen Trends verinnerlicht
Ungeachtet der Werbefanfaren, die «a breakthrough computer experience» (so viel wie ein «bahnbrechendes Computererlebnis») versprechen, ist Vista kein Quantensprung. Ein Meilenstein in der Computerbedienung bleibt aus. Die Neuerungen in Vista orientieren sich an den Megatrends in der Computerwelt.
Google hat die Anwender gelehrt, dass Suchen die effizienteste Form des Informationsmanagements ist. Folgerichtig enthält Vista eine leistungsstarke Suchfunktion, die Dokumente, Programme und Systemeinstellungsmöglichkeiten findet.
Der grosse Trend geht auch im Privatbereich zur Vernetzung, also hat sich Microsoft nützliche Neuerungen für die Kommunikation mit anderen Rechnern einfallen lassen.
Weblogs, Internet-Nachrichtendienste und RSS-Feeds haben die Informationsflut anschwellen lassen; daher hält Vista die User mit der Seitenleiste auf dem Laufenden. Hier erfährt man von «Minianwendungen» die Uhrzeit, das Wetter, Börsenkurse oder die neuesten Schlagzeilen.
Sicherheit ist ein gutes Verkaufsargument, also enthält Vista den gegen Spyware kämpfenden Windows Defender und neue Mechanismen gegen böse Webdownloads. Computer rücken immer stärker ins Zentrum des Familienlebens, ergo betreibt Vista Jugendschutz.
Die Vorreiterrolle überlässt Microsoft anderen – beispielsweise dem Konkurrenten Apple, der mit Spotlight und den Dashboard-Widgets die Windows-Suchfunktion und die «Minianwendungen» vorweggenommen hat. Angesichts eines Marktanteils von 85 Prozent hat Microsoft keine Wahl, als auf den Mainstream zu setzen. Auch wenn Vista auf die Computerfreaks und -fans etwas einfallslos wirkt – für Microsoft zählen die grossen Unternehmen, die ihre Tausenden von Arbeitsplätzen nur dann aufrüsten, wenn der schmerzlose Umstieg gewährleistet ist.
Die Hürden sind niedrig, die Vista für den Anwender bereithält. (Die Arbeit des Administrators wird allerdings anspruchsvoller.) Um als User mit dem neuen Windows klarzukommen, muss man sich im Wesentlichen vom Plastiklook des Vorgängers trennen und dem seinerseits gewöhnungsbedürftigen Aero-Erscheinungsbild zuwenden.
Ein Grossteil der Neuerungen steckt unter der schicken neuen Oberfläche und macht Windows fit für die Zukunft. Beispielsweise die «Windows Presentation Foundation» (der «Darstellungs-Unterbau»). Er steuert die Bildschirmanzeige, verwendet die technischen Möglichkeiten moderner Grafikkarten und ermöglicht Grafikeffekte, die nur in Computerspielen vorkamen.
Vista wird ausserdem das Drucken und den Dokumentenaustausch enorm vereinfachen. Der Schlüssel dazu ist die «XML Paper Specification» (XPS). Microsoft führt eine Art virtuelles «Papier», das ganz ähnlich wie das PDF-Format von Adobe programmunabhängig angezeigt, ausgedruckt und ausgetauscht werden kann. Auch wenn XPS nicht zu den meistgenannten Vista-Funktionen gehört, wird es zu einer wirklichen Vereinfachung beim Dokumentenaustausch führen.
Bloss nichts überstürzen
Es gibt also gute Gründe für ein Update auf Vista. Es gibt indes einen wichtigen Grund, der (in vielen Fällen) gegen das Update spricht: Windows Vista hat einen nur durch neueste Hardware zu stillenden Leistungshunger. Ab einem Prozessor mit 800 MHz Takt und 512 MB Arbeitsspeicher ist man dabei. Für flüssige Aero-Effekte braucht es allerdings mindestens 1 Gigabyte Arbeitsspeicher, einen Prozessor mit 1 Gigahertz Taktfrequenz und 15 GB freien Festplattenspeicher. Eine gute Grafikkarte mit DirectX9-Unterstützung ist ebenfalls vorteilhaft. Um herauszufinden, ob ein Rechner Vista-tauglich ist, fragt man den «Windows Vista Upgrade Advisor». Dieser informiert dann auch gleich darüber, für welche Vista-Version man upgradeberechtigt ist:
www.microsoft.com/windowsvista/getready/upgradeadvisor/default.mspx
Wer seinen Rechner nicht innerhalb des letzten Jahres gekauft hat, lässt besser die Hände vom Update. In so einem Fall vollzieht man den Umstieg mit dem Kauf eines neuen Vista-Rechners. Es lohnt sich aber nicht, wegen Vista sogleich ins PC-Geschäft zu stürmen, um seinen ansonsten klaglos funktionierenden XP-Rechner abzulösen. Sicherheitsexperten raten ohnehin dazu, bis mindestens zum «Service Pack 1» zuzuwarten – also bis zur ersten Revision des Betriebssystems, bei der die erst nach Veröffentlichung entdeckten Fehler behoben sind.
Das passende Vista finden
Anwender, die sich für den Umstieg entscheiden, stehen vor der Herausforderung, die richtige Vista-Version zu wählen. Microsoft bringt das neue Betriebssystem in einer unüberschaubaren Zahl an Varianten. Für Privatanwender kommen die Versionen Home Basic, Home Premium oder Ultimate in Frage. Für Geschäftsanwender gibt es auch Vista auch als «Business»-Ableger. Kurz zusammengefasst, eignet sich Ultimate nur für Windows-Freaks, die das Letzte aus ihrem PC herauskitzeln wollen. Home Basic ist für leistungsschwache, ältere PCs vorgesehen. Dieser Spielart fehlt allerdings die schicke neue Aero-Oberfläche. Die für die allermeisten Anwender geeignete Variante ist Home Premium. In der Vollversion kostet Home Premium 499 Franken, das Update ist für 349 Franken zu haben.
Alles in allem ist Windows Vista ein nüchternes, zweckdienliches Produkt. Trotz vieler netter Neuerungen, den liebevoll gestalteten Spielen und den gefälligen Darstellungen von Bilderordnern im Explorer hat Microsoft kein Betriebssystem zum «Gernhaben» hingekriegt. Wer seinen Compi ins Herz schliessen will, bleibt beim Mac. Dass Microsofts Marketingstrategen dennoch das «Vista-Erlebnis» preisen, ist missverständlich, aber entschuldbar.
Klappe zu, und Vista lebt weiter
Mit seinem leidenschaftslosen Produkt liegt Microsoft richtig. Die Geschäftswelt will Arbeits-, keine Kuscheltiere, und sie erhält, was sie braucht: ein solides, stabiles Arbeitsinstrument auf der Höhe der Zeit. Mit Vista ist Microsofts Vorherrschaft auf dem Desktop vorerst gesichert.
Eine einzige Innovation hat das Zeug, den Vista-Rechner zum schicken Statussymbol zu machen, mit dem man im Freundeskreis angibt. Die Sideshow zeigt auf entsprechend ausgerüsteten Notebooks Outlook-Kontakte, E-Mails und andere Informationen selbst bei ausgeschaltetem Rechner auf einem am Deckel angebrachten Bildschirm an.
Unternehmen wie Eleksen bauen Sideshow-Displays in so genannte Wearables ein. Taschen oder Kleidungsstücke erhalten Anschluss ans E-Mail oder die MP3-Sammlung. Für Manager unter Dauerstress oder pausenlos kommunizierende Zeitgenossen ist das Lifestyle. Andere mögen sich vielleicht bedrängt fühlen, wenn das Notebook selbst bei zugeklapptem Deckel keine Ruhe gibt.
SCREEN TA
Neuer Look, aber unverkennbar Windows: Vista mit 3D-Flip, mit dem man durch die offenen Programme blättert. Daneben der Windows-Explorer mit Livevorschau für Ordner und Dateien.
Nur neueste Hardware stillt Vistas Leistungshunger. Das heisst: kein Update für alte PCs!

