Der Palm fürs Kama Sutra (und andere Nonbusiness-Anwendungen)

Neuerdings gibt es den Palm auch mit Festplatte. LifeDrive heisst der speichergewaltige Spross im Palm-Gerätesortiment und ist (auf den ersten Blick) so überflüssig wie der viel zitierte fahrradlose Fisch. Die Harddisk macht das Gerät klobig und nimmt ihm seine Handlichkeit. Die Festplatte ihrerseits bietet auf den ersten Blick keinen Mehrwert: Wer hat schon so viele Adressen, dass er mit ihnen den interne Speicher eines normalen Palm sprengen könnte?

Doch natürlich geht es beim LifeDrive nicht um Adressen oder Kontakte, sondern darum, aus einem vergleichsweise langweiligen Business-Instrument ein hippes Gadget zu machen. Man soll jede Menge Musik auf das LifeDrive kopieren, ebenso Filme und Fotos, und damit im Freundeskreis hausieren gehen. Oder sich selbst unterhalten, wenn man unterwegs ist.

Der Bildschirm des LifeDrive ist grundsätzlich gross genug für Bewegtbilder und die Festplatte ihrerseits ist gross genug für die dafür notwendigen Filmdateien. Also soll ein Test zeigen, wie sich der Palm für die Selbstunterhaltung eignet: Ich kopiere einen Film mit dem viel versprechenden Titel «Kama Sutra» auf den Palm und lasse mich überraschen, wie sich das auf die «Sexyness» des Handheld auswirkt. Den Film habe ich schon Anfang 2003 per TV-Karte als MPEG2-Datei aufgenommen. Bislang fehlte mir die Zeit, den Streifen anzusehen, über den IMDB.com Folgendes weiss: India, 1996; In a world ruled by pleasure, love is the ultimate seduction. Der User-Kommentar lautet: A visual feast rather than a sexual one. Also genau der Streifen, den man sich im Tram reinzieht.

Fügt man den Streifen dem Palm Desktop unter «Medien» hinzu, erscheint eine Verlaufsleiste, auf der ein grüner Streifen im Schneckentempo vorwärts kriecht und nichts weiter über die in Gange geratene Aktivität verrät. «Medien werden hinzugefügt.» Wird der Film umcodiert? Bloss an irgend eine andere Stelle der Festplatte verschoben? Und wie lange dauert es, bis das visuelle Fressen seinen Weg auf das LifeDrive gefunden hat? Fragen, auf die man gerne eine klare Antwort hätte, zumal der Computer vom grünen Balken fast komplett ausgebremst wird. Von der Palm-Software erhält man keine näheren Erläuterungen. Immerhin entdecke ich, dass ich eines der vermuteten Mankos beheben kann: Im «Laufwerkmodus» (einzuschalten über das gleichnamige Dienstprogramm) erscheint der Palm als externe Festplatte. Man kann ihn so an Computern ohne Palm-Software zum Datenaustausch verwenden. So kann man Musik oder Bilder ohne Palm-Desktop auf das LifeDrive laden – das macht Sinn.

Nachdem der grüne Balken am Ziel angekommen ist, sieht man das Resultat der Bemühungen. Der Film wurde von 2,1 GB und 480 auf 576 Pixel auf 715 MB und 192 mal 240 Pixel heruntergerechnet. Ein Augenfressen im Briefmarkenformat, mit anderen Worten – im völlig falschen Format. Die Software hat nicht gemerkt, dass der Film im Supervideo-Format aufgezeichnet wurde, d.h. in halber Breite. Das Format blieb MPEG2 – nicht optimal für ein kleines Gerät. Das Synchronisieren auf den Palm dauert noch einmal eine halbe Ewigkeit, wobei das natürlich daran liegt, dass mein PC noch kein USB2 beherrscht. Schön wäre hier eine Zeitangabe, denn es wäre doch aufschlussreich zu wissen, ob der Vorgang eine halbe oder drei Stunden dauert. Da codiert man den Film besser gleich selber (zum Beispiel mit dem Windows Media Encoder oder dem sehr empfehlenswerten Open-Source-Media Player VLC) und kopiert den Film per Laufwerksmodus auf den Palm.

Mit anderen Worten – das Hosensackkino hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Grundsätzlich klappt die Sache, doch es macht einfach keinen Spass, wenn man Filme erst lange umcodieren muss. Ein mobiler Videoplayer sollte schlicht einfach alles so abspielen, wie man es draufkopiert, egal, ob MP2, MP4, DivX oder Quicktime. Sonst ist man damit beschäftigt, den Bedürfnissen des Player Genüge zu tun, anstatt sich vom Player die Zeit vertreiben zu lassen.

Einige Randbemerkungen: Über das WLAN lässt sich Gutes sagen: Es funktioniert auf Anhieb. Der Browser gibt sich alle Mühe, breite Websites auf dem schmalen Display gut leserlich darzustellen. Allerdings wäre es in vielen Fällen praktisch, die Anzeige um neunzig Grad zu schwenken und von dem Hoch- ins Querformat zu wechseln. Ansonsten hat das LifeDrive gelegentlich Nahtoderfahrungen, bei denen es abstürzt – sogar beim Solitärspielen.

Fazit: «Kama Sutra» schaut man sich vielleicht doch besser am heimischen Bildschirm an. Für die meisten Palm-Anwender braucht das LifeDrive nicht, ein normaler Palm tuts genauso – wer allerdings häufig viele Daten mit sich herumträgt, für den ist die Kombination von externer Festplatte und Handheld eine gute Sache. Auch wenn «nur» vier Gigabyte auf den Palm mit dem grossen Fassungsermögen passen.

Palm LifeDrive: Strassenpreis ab ca. 600 Franken (Listenpreis: 729 Franken)

Quelle: Newsnetz, Samstag, 18. November 2006

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