Bilder-Schleuse

Die beiden Bildverwaltungsprogramme Studio-Line und Thumbs-Plus sind ­gleichermassen geeignet, Ordnung ins Fotoarchiv zu bringen. Für welches Produkt man sich entscheidet, hängt von den Vorlieben ab.

Studio-Line bietet umfassende Unterstützung bei hohem Ressourcenverbrauch. Das schlankere Thumbs-Plus ist aufgeräumter. (Screenshots: cw/ M.Schüssler)

Eine gute Bildverwaltungssoftware erkennt man an einem einzigen Merkmal: dem Umgang mit Meta-Informationen. Das Werkzeug zum Entfernen der roten Augen aus Blitz-Fotografien ist ebenso nebensächlich wie eine Brennfunktion oder anderer Schnickschnack. Eine Bildverwaltungssoftware muss Exif- (Exchangeable Image File) und IPTC-Informationen (International Press Telecommunications Council) vergeben und auslesen können, sonst sollte man ihr kein einziges Digitalfoto anvertrauen.

Computer sind nach dem aktuellen Stand der Technik nicht in der Lage, den Inhalt eines Bildes zu erfassen. Daher ist es für die Verwaltung grösserer Bildbestände unumgänglich, jedes einzelne Bild über Textinformationen zu beschreiben und zu katalogisieren. Nur mit diesen Meta-Informationen wird man ein gesuchtes Motiv in einem Datenbestand von mehreren tausend oder zehntausend Bildern wieder finden – ohne Metadaten wird man um ein langwieriges Sichten der Bilder nicht herumkommen. Sind diese Informationen hingegen vorhanden, zaubert die Bildverwaltungssoftware nach Eingabe einiger Stichworte blitzschnell die passenden Motive hervor.

Unverzichtbare Metadaten

Es gibt zwei Typen von Meta-Informationen: Die Exif-Angaben werden bei der Aufnahme des Bildes von der Digitalkamera automatisch gespeichert. Sie geben Auskunft über die technischen Merkmale des Bildes; nebst dem Aufnahmedatum und der Uhrzeit werden Blende und Belichtung, Auflösung, Weiss-abgleich, Blitzeinstellung und vieles mehr registriert. Der zweite Standard beschreibt die Bilder inhaltlich. Im IPTC-Datensatz lassen sich ein gutes Dutzend Informationen ablegen: In der Caption erfasst man die Beschreibung des Bildes, zum Beispiel «Foto von einem Goldfisch im Wasserglas». Unter den Stichworten vergibt man Schlüsselwörter wie Fisch, Goldfisch, Aquarium, Glas, Tier. Bei Credit darf sich der Fotograf verewigen, während verschiedene Datenfelder den Aufnahmeort des Bildes bezeichnen. Die Urheberrechtsinformationen werden unter Copyright berücksichtigt, und unter Titel darf man das Werk kurz und knackig benennen: «Munter wie der Fisch im Wasser». Der Standard wurde vom IPTC zusammen mit der Newspaper Association of America entwickelt und heisst darum in der ganzen Länge IPTC-NAA.

Sowohl Exif- als auch IPTC-Informationen werden direkt in der Bilddatei gespeichert und sind nicht an ein spezielles Bearbeitungs- oder Verwaltungsprogramm gebunden. Bei der Fotoretouche gilt es darauf zu achten, dass die eingesetzten Programme mit Metadaten umgehen können – falls nicht, gehen diese Informationen beim Speichern verloren.

Taggen ohne Umschweife

Metadaten sind der Dreh- und Angelpunkt bei der Foto-Organisation: Eine Bildverwaltungssoftware muss IPTC- und Exif-Informationen auslesen und für die Suche, Sortierung und Katalogisierung von Bildern einsetzen. Elementar ist zum zweiten, dass sich Meta-Daten einfach definieren lassen. So sollte es beispielsweise möglich sein, in einem Arbeitsgang mehreren Bildern die gleichen Stichworte zuzuweisen, indem man etwa per Maus ein Tag, also ein Etikett, auf alle markierten Dateien zieht.

Sowohl Thumbs-Plus 7 als auch Studio-Line Photo 2 beherrschen den Umgang mit Meta-Informationen. Thumbs-Plus nahm seine Anfänge, als von Metadaten noch nicht die Rede war. Daher ist die Unterstützung nicht so konsequent, aber trotzdem solide. Studio-Line ist ein vergleichsweise neues Produkt, dessen Entwickler Exif und IPTC von Anfang an integriert haben. Das zeigt sich an vielen netten Details, beispielsweise der Möglichkeit, die kleinen Vorschau-Bilder im Hauptfenster mit beliebigen Exif- und IPTC-Informationen zu beschriften. Studio-Line verfügt über eine starke Suchfunktion, leistungsfähige Filter für die schnelle und einfache Bildselektion und auch praxisnahe Funktionen wie die Korrektur von Datum und Uhrzeit. Wenn ein Fotograf beispielsweise mit mehreren Kameras arbeitet, deren interne Uhren nicht synchron laufen, lässt sich der Unterschied korrigieren, indem man bei den Bildern der einen Kamera die Aufnahmezeit um die Differenz verändert.

Maus ist um die Etikette besorgt

Bei der Vergabe von Stichworten gibt es bei Studio-Line Ähnlichkeiten zu Adobe Photoshop Elements 3, indem man den Bildern Stichworte oder Bewertungen per Maus als Etikett anheften kann. Anders als Photoshop Elements, das ganz klar auf Heimanwender zugeschnitten ist, eignet sich Studio-Line auch für den professionellen Einsatz im Desktop-, Web- oder Office-Publishing.

Schwach sind beide Programme bei den Bildbearbeitungsfunktionen. Allerdings ist es ohnehin nur bedingt sinnvoll, Fotos direkt in der Verwaltungssoftware zu korrigieren. Dafür eignet sich eine Bildbearbeitung besser, die man bei Thumbs-Plus per Mausklick heranziehen kann.

Nebst der Verwaltung der Bilder kümmern sich die Programme auch um die Weiterverarbeitung und bieten sich an, aus einer Auswahl von Fotos einen Kontaktabzug, einen Indexprint, eine Webgalerie oder eine Diashow zu machen. Das Funktionsangebot ist diesbezüglich bei Studio-Line grösser. Das ist aber kein Grund, sich gegen Thumbs-Plus zu entscheiden – für die professionelle Aufbereitung der Bilder sind die Allrounder-Funktionen beider Programme zu wenig griffig. Den Anspruch der eierlegenden Wollmilchsau sollte man nicht stellen, und die Werkzeuge, die man zusätzlich zur Bildverwaltung erhält, deshalb nicht überbewerten.

Studio-Line: Vorliebe für Vorlagen

Bei der Ausgabe von Bildern gibt es markante Unterschiede zwischen den getesteten Tools. Studio-Line setzt ganz auf Vorlagen. Wer eine Webgalerie erstellen möchte, entscheidet sich für ein Design und passt dieses dann im Seiteneditor an. Thumbs-Plus dagegen wartet mit einem Assistenten auf, bei dem man sich durch fast ein Dutzend Schritte klicken muss. Welchen Weg man lieber geht, ist eine Frage der Vorlieben. Über die Vorlage kommt man schnell zum Ziel, beim Assistenten ist der Einfluss auf das Endresultat grösser. Ausserdem erlaubt es Thumbs-Plus, die gewählten Vorgaben zu speichern und bei der nächsten Webgalerie wieder zu verwenden.

Somit ist Thumbs-Plus geeignet für erfahrene Anwender, die lieber ein schlankes Programm mit soliden Basisfunktionen nutzen und gerne auf den Zuckerguss verzichten, den Software für den Heimmarkt ihren Anwendern zu verabreichen pflegt. Studio-Line hingegen eignet sich für diejenigen Benutzerkreise, die sich mit einer Auswahl an Standardvorlagen zufrieden geben und zum Beispiel gern direkt aus dem Programm heraus CD brennen, statt auf das Lieblings-Brenntool zu vertrauen. Den Anspruch, die ungeübten Nutzer abzuholen, unterstreicht Studio-Line mit einer Reihe von Checklisten, die beim Mailen von Bildern, bei der Webgalerie oder der Diashow die empfehlenswerten Schritte aufzeigen und gleich die passende Funktion anbieten. Auch die kontextsensitive Hilfe, die in einem eigenen Fenster erscheint, ist für Novizen praktisch. Routinierten Anwendern ist diese Informationsanzeige eher im Weg.

Wenn bloss Microsoft nicht wäre

Studio-Line könnte mit einer Höchstwertung rechnen, wären nicht zwei dicke Minuspunkte zu verzeichnen: Zum einen ist das Programm alles andere als schnell. Auf leistungsschwachen PC reagiert die Software sehr träge, hier ist das agilere Thumbs-Plus die bessere Wahl. Unerfreulich auch die Prob-leme bei der Installation, die es im Test nötig machten, auf einen zweiten Rechner auszuweichen. Auf dem ersten PC liess sich Studio-Line partout nicht einrichten. Das lag an den Microsoft Data Access Components (MDAC), die auf dem ersten Testrechner nicht zur Kooperation zu bewegen waren. Das ist zwar nicht die Schuld des Herstellers, sondern dürfte im Versionenwirrwarr liegen, das Microsoft bei MDAC anrichtet. Aber wenn die Herstellerin diese Schnittstelle verwendet, sollte sie auch eine angemessene Hilfestellung bieten und nicht bloss auf ein nichts sagendes Installationsprotokoll und den Hinweis abstellen, dass ein Darüberinstallieren (ein In-Place-Upgrade) des Betriebssystems helfen könnte. Unter dem Strich eignen sich aber beide Produkte etwa gleich gut für die Verwaltung der digitalen Bilderflut.

Der Autor:
Matthias Schüssler ist Journalist und Fachbuchautor in Winterthur.

Quelle: Computerworld, Freitag, 22. Juli 2005

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Thema: Softwaretest
Nr: 5889
Ausgabe: 05-28
Anzahl Subthemen: 1

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