«Es fehlt eine Funktion, um unnötige Spielereien abzuschalten»

Videoproduktion II Garant für ein gutes Resultat sind weder die Hardware noch Schnitt-Software, sondern das Konzept und die Regiearbeit, meint Filmer und Multimediaproduzent Manuel Bosshard.

Welches sind die Vorteile der digitalen Videoproduktion?

Bosshard: Mit der Digitalisierung der Produktionsmittel sinkt der Aufwand an Kosten und Zeit für Filmprojekte.

Die digitale Produktionsweise erlaubt ein sehr schnelles Arbeiten. Leidet da nicht auch die Qualität?

Doch – mitunter schon. Ein gutes Beispiel ist die Produktionsweise der Privatsender. Sie arbeiten sehr schnell. Aber es wird nur «draufgehalten»; künstlerische Ansprüche gibt es kaum mehr.

Welche Neuerung beim digitalen Video bringt Praxisnutzen und ist nicht nur Spielerei oder interessant für Leute mit ausgefallenen Ideen?

Da ist die Hardware zu nennen, die viel schneller geworden ist. Früher wartete ich, wenn der Computer rechnete. Heute muss ich mich manchmal fast zu Pausen zwingen.

Dass sich der Funktionsumfang der Programme laufend vergrössert, ist nicht entscheidend?

Nein, wenn die Idee stimmt, dann kann man auch mit iMovie Filme produzieren.

Fehlt an den aktuellen Programmen etwas oder sind die inzwischen schon perfekt?

Es fehlt vor allem eine Funktion, womit sich alle unnötigen Spielereien abschalten lassen. Wenn ich einen Film schneide, brauche ich oft nur wenige oder gar keine Effekte. Ich schneide hart und mache hier oder da eine Überblendung. Aber den ganzen restlichen Schnickschnack brauche ich selten.

Software-Hersteller wie Apple implizieren gern, dass Programme mehr sind als Werkzeuge, nämlich Quelle der Inspiration?

Ich komme durch das Experimentieren höchstens auf Ideen für Projekte, die ich im Hinterkopf habe. Wenn mich ein Thema beschäftigt, dann besteht andererseits die Gefahr, dass ich ob der vielen Effekte den Faden verliere. Das kostet sehr viel Zeit – schneller Rechner hin oder her.

Die Funktionsvielfalt der heutigen Programme ist enorm. Hat Sie das Experimentieren mit den Funktionen inspiriert? Ist schon eine visuelle Form, ein visueller Stil entstanden, weil Ihnen die Software eine Ausdrucksmöglichkeit nahe gelegt hat?

Zu experimentieren ist für mich eine gute Möglichkeit, eine Software besser kennen zu lernen. Es gibt witzige Resultate, bleibt aber meistens bei Spielereien. Ich gehe lieber von einem konkreten Projekt oder einer Idee aus und benutze die Software als reines Werkzeug.

Ist es schwieriger geworden, den Auftraggebern klarzumachen, dass professionelle Arbeit ihren Preis hat? Schliesslich ist auf jedem iBook eine Videoschnitt-Software vorinstalliert.

Ja, schon. Oft entscheiden sich die Kunden, die Arbeit selbst zu machen. Es kommt aber auch vor, dass sie zwei Wochen später vor der Tür stehen, weil sie mit ihren Aufnahmen unzufrieden sind. In solchen Fällen sitzt man drei oder vier Tage an verpixelten, überbelichteten und verwackelten Aufnahmen und versucht, zu retten, was zu retten ist – und hat am Schluss ein schlechtes Gewissen, für das Endprodukt auch noch Geld zu verlangen.

Ist es möglich, autodidaktisch zu guten Resultaten zu kommen und eine Videodokumentation oder Firmenpräsentation selbst zu machen?

Vor ein paar Jahren hätten sich Laienfilmer wohl einen Nervenzusammenbruch eingehandelt. Heutzutage kommen sie aber sicher auf eine Lösung, die sie selbst gut finden. Die Frage bleibt, wie der Film nach aussen wirkt und ob ihn das Zielpublikum ebenfalls lässig findet. Die formalen Aspekte sind wichtig. Es ist wie beim Aufsatzschreiben: Auch ein noch so kurzer Streifen braucht eine Einleitung, eine Aussage und sollte am Ende «rund» wirken. Oftmals ist Selbstgestricktes zu lange. Die Kunst ist, zu wissen, wie man in kurzer Zeit die wichtigen Informationen rüberbringt.

Wie berechnen sich die Kosten für eine Videoproduktion?

In der Branche üblich sind Tages- oder Projektpauschalen. Der Ansatz hängt von der Grösse des Teams und des Projekts ab. Mit aufwändiger Beleuchtung und Bühnenaufbauten wird es natürlich um einiges teurer. Andererseits: Mit guten Ideen kann man auch ohne viel Geld etwas Schönes machen.

Interview: Matthias Schüssler

«Es fehlt eine Funktion, um unnötige Spielereien abzuschalten» / Videoproduktion II /

Quelle: Werbewoche, Freitag, 6. Mai 2005

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Thema: Digitalvideo
Nr: 5892
Ausgabe: 05-17
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