Ein PC-Abenteuer im Eigenbau
Mit 3D Gamestudio lassen sich eigene Spiele entwickeln: ein Adventure der besonderen Art.
Von Matthias Schüssler
Die Entwicklung eines kommerziellen Computerspiels ist ein ähnlich ambitiöses Unternehmen wie der Dreh eines Hollywood-Kinofilms. Ein Projekt verschlingt in aller Regel Millionensummen und hält Dutzende von Programmierern, Grafikern, 3-D-Künstlern, Komponisten, Drehbuchautoren und organisatorischen Mitarbeitern auf Trab. Als Hobby eignet sich ein so grosses Unterfangen denkbar schlecht.
Könnte man meinen: Obwohl die Latte hoch liegt, lassen sich Computergames auch spasseshalber in der Freizeit kreieren. 3D Gamestudio ist ein Authoringsystem für 3-D-Spiele, welches den Einstieg in die Welt der digitalen Spielemacher erst ermöglicht. Es enthält die zentralen Werkzeuge für die Entwicklung eines eigenen 3-D-Spiels à la Tomb-Raider oder Quake.
Herzstück jedes Games dieser Machart ist die Grafik-Engine: Als Motor des Spiels berechnet sie während der Ausführung die perspektivische Bildschirmdarstellung mit Gebäuden und Figuren und diversen Effekten wie Schattenwurf, Oberflächenbeschaffenheit oder Nebel. Die Gamestudio-Engine ist zwar nicht auf dem allerneusten Stand, aber ordentlich schnell und leistungsfähig.
Modellierte Spielfiguren
Damit das Spielemachen beginnen kann, enthält 3D Gamestudio zwei Editoren: Im Model Editor werden Figuren oder Gegenstände gestaltet, die sich später durch das Spiel bewegen: Menschen, Monster, Fahr- oder Flugzeuge, Schatztruhen, Waffen oder irgendeine andere «Entität», die sich ein Spieleschöpfer ausdenken kann. Diese Arbeit ist knifflig, muss doch jede Figur als räumliches Drahtgittermodell entworfen und für jeden Bewegungsablauf, den sie später im Spiel beherrschen soll, ausgerüstet werden. Damit die Figur nicht «nackt» dasteht, wird sie mit Texturen versehen, das heisst, es werden Bilder auf die Oberflächen aufgetragen. Das Programm enthält auch vorgefertigte Objekte: Für den Fall, dass der eigene Superheld stets nach Frankensteins Schützling aussieht.
Im Level Editor entsteht die virtuelle Spielewelt: die Umgebung, in der das Abenteuer stattfindet. Wie ein Architekt lässt der Spieleentwickler Gebäude entstehen – Schlösser, düstere Verliesse, Industriekomplexe, Raumbasen oder sonst eine stimmungsvolle «Location». Die Arbeit ist ähnlich wie im Model Editor: In einem viergeteilten Fenster (zu sehen ist Aufsicht, Seiten- und Frontalansicht und die perspektivische Ansicht) werden Mauern, Decken und Böden im Raum angeordnet und ebenfalls mit Texturen versehen. Im Level Editor werden auch die zuvor erstellten Modelle platziert und für ihren Auftritt vorbereitet.
In sechs Tagen zum Spieledesigner
Als Einstieg ins Gamedesign steht einem ein 190 Seiten starkes Tutorial zur Seite. Es verspricht, alle notwendigen Kniffe in sechs Tagen zu vermitteln. Dies ist optimistisch: Beherrscht der angehende Spieleentwickler die Softwarewerkzeuge, liegt die schwierigste Hürde noch vor ihm – die Programmierung: Erst durch Skripte entsteht der Spielablauf, nur durch programmierte Anweisungen «wissen» Figuren, wie sie sich zu verhalten haben und mit dem Spieler interagieren müssen. Die Gamestudio-Sprache WDL ist verwandt mit den gebräuchlichen Programmiersprachen Java oder C++, und vergleichbar ist auch der Aufwand für die Einarbeitung.
Gamestudio ist ein aufschlussreiches Produkt für Spielefans: Auch fruchtlose Experimente vermitteln eine konkrete Vorstellung, wie «richtige» Games entstehen. Und mit genügend Schnauf kann man ein PC-Adventure entstehen lassen, das sich nicht zu verstecken braucht.
3D Gamestudio Version 5, 78 Franken, Thali AG, (041) 919 66 66
SCREEN TA
Knusper, knusper, knäuschen: Die böse Hexe wird digital modelliert.
BILD CONITEC GMBH
Bereits in Kapitel zwei des Tutorials schiebt dieser Ritter Wache.

