Ellikon an der Thur: Gottesdienst mit Eheberater Walter Ritter und Pantomime Hubi Zweifel

Wenn der Psychologe eine Predigt hält …

In Ellikon an der Thur fand letzten Sonntag ein eher aussergewöhnlicher Gottesdienst statt. Walter Ritter – im Hauptberuf Eheberater – setzte sich mit dem Thema «Mit Krisen leben» auseinander. Visualisiert wurde die Predigt Ritters durch den Pantomimen Hubi Zweifel. Das Resultat war ein Gottesdienst im traditionellen Sinn – auch wenn Ritter seinen gewohnten Beruf nicht ganz verhehlen konnte.

(msc) Walter Ritter tanzt auf vielen Hochzeiten. Als Eheberater führt er Paartherapien durch, gibt Vorträge und schreibt Bücher. Er hat den Verleih «Bild+Ton» gegründet, um die 400 Lieder geschrieben und fürs Radio seine «Betrachtungen» gemacht. Und neuerdings hält er Gottesdienste ab. Er bezeichnet diese ersten Predigten selber als «Experimente», weist aber sofort darauf hin, dass er nach seiner Zeit als Primarlehrer im Thurgau einige Semester Theologie studiert habe. «Die Psychologie hat mich dann stärker fasziniert». Die Kirche des Kantons Zürich hat Ritter eine Predigterlaubnis erteilt und seither kommt zu der umfangreichen Aufstellung von Ritters Aktivitäten noch das Predigen hinzu – aushilfsweise.

Kein «Psychologen-Slang»

Ein Eheberater auf der Kanzel? Ritter pflichtet bei, dass diese Konstellation eher seltsam anmutet und der Leitsatz des Gottesdienstes «Mit Krisen leben» wohl eher vom Psychologen als vom Prediger formuliert wurde. Er versuche aber, die beiden Domänen weitestgehend getrennt zu halten, also in den Predigten keine Psychologie einzusetzen, so wie er auch die betreuten Paare nicht nach ihrer Religiosität frage. Im Gottesdienst soll die Bibel im Vordergrund stehen, sagte Ritter.

Der Gottestdienst begann mit dem Lied «Wer nur den lieben Gott lässt walten». Ritter erzählte am letzten Sonntag in Ellikon die Geschichte von Susi, einem Waisenmädchen, das verschiedene Krisen zu bewältigen hat. Es wünscht sich in den Momenten der Einsamkeit, Verzweiflung und Mutlosigkeit reich und stark zu sein. Doch der Baum, unter dessen Laubdach das Mädchen Ruhe und Geborgenheit fand, riet ihm stets, sich auf sich selber, sein gutes Herz, das fröhliche Gemüt und den starken Glauben zu verlassen.

Hinter dem Märchen steht die Realität

Unterstützt wurde Ritter bei seiner Predigt vom Pantomimen Hubi Zweifel. Hubi (von Hubertus) Zweifel war ebenfalls nicht in seinem angestammten Beruf zu sehen; hauptberuflich ist Zweifel Reallehrer in Weinfelden.

Zweifel visualisierte die Gefühlszustände eines Menschenin einer Lebenskrise. In seinen kurzen Auftritten brachte er Susis Verlorenheit durch Körpersprache und Bewegung zum Ausdruck. Zweifel führte durch sein Schauspiel wiederholt weg von Susis Geschichte, verkörperte plötzlich nicht mehr das elternlose Mädchen, das alleine im Wald umherirrte, sondern der gestresste Manager, der im Termin- und Leistungsdruck genauso verloren war. Auf subtile Weise verband der Pantomime das Märchen mit dem realen Leben, in dem die Gottesdienstbesucher zu bestehen haben. Auch in der «richtigen» Welt könnten Reichtum und übermenschliche Fähigkeiten genauso wenig wie Gurus, Zaubertränke und Eheberater Krisen bewältigen. Lebenskrisen könne man nur selber lösen, aber die dazu notwendige Kraft habe Gott jedem gegeben, war die Quintessenz von Ritters Predigt.

Auch der Eheberater Walter Ritter ist davon überzeugt, dass er die Probleme seiner Klienten nicht lösen, sondern diese nur ein Stück auf ihrem Weg begleiten kann. «Und deshalb sind Gottesdienste und Eheberatungen doch nicht so unterschiedlich, wie man im ersten Augenblick denkt», resümierte Ritter.

Quelle: Der Landbote, Dienstag, 3. September 1996

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Thema: Gottesdienst
Nr: 100
Ausgabe: 96-203
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