Kampf der Titanen – schwergewichtige Textverarbeitungen im Vergleich

Lotus «SmartSuite 96» vs. Microsoft «Office 95»

Die Office-Suites haben den Sprung von 16 auf 32-bit geschafft und liegen nun in reinem Windows 95-Code vor. Bei Microsoft stand die schnelle Portierung aufs neue Betriebssystem im Vordergrund, bei Lotus haben sich die Programmierer mehr Zeit gelassen und eine vollständig überarbeitete Version auf die Beine gestellt. Hat sich das Warten gelohnt? Unser Vergleich zeigt, ob in Mircosofts «Office 95» oder in Lotus’ «SmartSuite 96» die bessere Textverarbeitung steckt.

Es sind beides richtige Schwergewichte, die da in den Büro-Bundles stecken: Microsofts «Word für Windows» bringt satte 43 MByte auf die Waage, Lotus’ «Word Pro» 41 MByte. Welche nagelneuen Funktionen Lotus in diese 41 MByte gesteckt hat, soll ein erster Blick auf Word Pro zeigen:

Erste Eindrücke zum neuen Lotus Word Pro

Die auffälligste Neuerung, mit der die neue Version des Lotus Texters aufwartet, ist mit Bestimmtheit geänderte Name: Die Textverarbeitung heisst nicht mehr Ami Pro, sondern Word Pro. Ist’s vorbei mit «dein Ami und Helfer»? Ich spekuliere, dass die Neutaufe stattfand, weil die Amerikaner, des Französischen eher selten mächtig, den freundschaftlichen Aspekt des Namens zuwenig zu schätzen wussten. Mir scheint getroffene Wahl eher unglücklich; es sieht ein wenig danach aus, als wollte man im Hause Lotus mit der deutlichen Anlehnung an das Microsoft-Produkt etwas von dessen gutem Ruf abbekommen. Dabei zeigt unser Vergleich, dass es das Programm nicht nötig hat, Winwords Brosamen aufzusammeln. Lotus Word Pro kann dem Konkurrenten durchaus Paroli bieten.

Der Programmstart von Lotus Word Pro geht flott vonstatten, dagegen verhält sich das Programm bei der Benützung um einiges zäher als der Rivale aus dem Hause Microsoft. Beim Zeilenumbruch stockt die Einfügemarke einen langen Augenblick und bei der Schnellspeicherung gibt es auf einem 486 DX2 66 MHz schon mal eine Zwangspause.

Im Word Pro-Arbeitsfenster hat sich im Vergleich zum Vorgänger wenig verändert. Unter den Menüs gibt’s eine Leiste mit Smarticons (frei konfigurier- und positionierbar), am unteren Bildschirmrand befindet sich die Statusleiste, die schnellen Zugriff auf Schriftarten, -grössen, Textauszeichnungen und Druckformate (bei Word Pro «Stile» genannt) bietet, und wahlweise das Datum und die Uhrzeit oder Infos über das Dokument ausgibt. Unter den Smarticons befindet sich neu eine sogenannte Tableiste. Sie listet Dokumentteile und -abschnitte übersichtlich nebeneinander an und ermöglicht so ein schnelles Bewegen im Text. Das Konzept der Tabs, von Microsoft mit Windows 95 betriebssystemweit eingeführt, wird von Lotus konsequent benützt. Bei vielen Dialogfeldern sortieren Karteikartenreiter umfangreiche Einstellungsmöglichkeiten nach Obergruppen und erleichtern das Auffinden der gewünschten Einstellung. Die Textauszeichnungen können beispielsweise in dem «InfoBox für Text» genannten Dialogfeld gewählt werden; die verschiedenen Einstellungen sind dabei in sieben Kategorien gegliedert, darunter Schriftauszeichnung, -ausrichtung, Linien- und Absatzgestaltung, Einzüge und Stilkontrolle. Bei der Benennung der Absatzkontrolle und der Tabulatorsetzung hätte Lotus etwas mehr Geist walten lassen können, die gewählten Bezeichnungen «Sonstiges» und «Erweitert» sind alles andere als intuitiv verständlich. Diese «InfoBoxen» haben des weiteren den Vorteil der «Nicht-mo-du-la-rität». Das heisst, vorgenommene Änderungen werden unmittelbar, und nicht erst nach dem Schliessen der Dialogbox, umgesetzt. Die Wahl kann sofort am Text begutachtet werden – eine Funktion, die besonders entscheidungsschwache und experimentierfreudige Benützer zu schätzen wissen.

Neu ist auch die «Kontextsensivität» von Word Pro. Smarticons und Menüs passen sich der jeweiligen Arbeit an und die rechte Maustaste hält die wichtigsten Befehle stets «in Griffnähe».

Gut gefällt das neue Konzept, welches Lotus bei Aufgaben wie der Rechschreibekontrolle, Suchen und Ersetzen und weiteren Funktionen verfolgt. In diesen Fällen startet das Programm kein Dialogfeld mehr, sondern bindet die notwendigen Kontrollen ähnlich einer Funktionsleiste unter den Smart-Icons ein. Das hat mehrere Vorteile: Da gibt es kein Dialogfeld mehr, welches Text verdeckt. Ausserdem kann der Vorgang, wann immer gewünscht, durch normale Textbearbeitung unterbrochen und später wieder aufgenommen werden – ein grosses Plus an Flexibilität!

Auf die Teamfunktionen, dem Highlight von Word Pro, werde ich weiter unten zurückkommen.

Ein erstes Fazit über die «Äusserlichkeiten»: Das Microsofts Design ist optisch übersichtlicher und für den Windows-gewohnten Benutzer auf Anhieb vertraut. Der erste Einstieg und das Zurechtfinden wird dem Einsteiger leichter gemacht. Hat man sich aber an das «InfoBox»-Konzept von Lotus gewöhnt, lässt es sich schneller handhaben als die über verschiedenen Menüs verteilten Funktionen von Winword.

Formatierungs- und Gestaltungsmöglichkeiten

Beide Kontrahenten kommen mit einer umfangreichen Sammlung an vordefinierten Layouts, bei Word Pro SmartMasters genannt. Das schnelle, eindrucksvolle Layout ist mit den Vorlagen aus den Bereichen «Brief», «Fax», «Memo» schnell erstellt. Word Pro wartet dabei mit «Hier-klicken»-Felder auf, um den Text in die vordefinierten Felder zu übernehmen – das gewährleistet Einheitlichkeit. Winwords Assistenten treiben den Automatisierungsvorgang noch weiter und führen den User Schritt für Schritt zum vollständigen Layout. (Man könnte auch sagen: Sie bevormunden einen fast vollständig).

Word Pro besitzt umfangreiche Formatierungsmöglichkeiten und kann verschiedene Dinge, die man in Winword vergebens sucht: Jede Seite hübsch mit einem Rahmen zu versehen, ohne dabei jedesmal einen Positionsrahmen anlegen zu müssen – kein Problem. Dagegen ist der Text in Winword schneller in Spalten gegossen. Für anspruchsvollere Layout-Aufgaben sind aber beide Programme zu schwerfällig – dem Hantieren mit Positionsrahmen ist auf jeden Fall die Funktionalität eines Desktop-Publishing-Programm vorzuziehen.

Die Gliederung erfolgt in Word Pro mittels der schon beschriebenen Tab-Leiste. Das Programm erlaubt es, mehrere unterschiedliche Ansichten desselben Dokuments offenzuhalten, beispielsweise die Detailansicht mit der Seitenvorschau zu kombinieren. Eine Gliederungsansicht in Microsoftschem Sinn sucht man allerdings vergeblich – Leute, die wissenschaftliche Texte mit starker Gliederung erstellen müssen, werden ihre Übersichtlichkeit und Flexibilität vermissen.

Des weiteren gefällt mir die «Formatprüfung» genannte Funktion sehr. Sie klopft den Text auf gestalterische Unzulänglichkeiten ab, ersetzt Sonderzeichen durch ihr typographisches Äquivalent (gerade Anführungszeichen durch «» (c) durch ©), entfernt unnötige Leerschläge, macht aus Grossbuchstaben AKRONYME, d.h. setzt den Schriftgrad um zehn Prozent herab, und ähnliches mehr. Leider hat die Funktion ein kleines Geschwindigkeitsproblem, aber immerhin: Winwords Autoformat tutet ins gleiche Horn, kümmert sich dabei aber mehr um gestalterischen Schnickschnack statt um typografische Qualität.

Zwei Kuriositäten am Rande: Die Bildimportfunktion ist in Word Pro sehr eigenwillig: Scans im TIF-Format bekommt der User in psychedelischen Falschfarben zu Gesicht, und zu Vektorgrafiken im WMF-Format fällt dem Programm nichts anderes ein als die Bemerkung: «Falsches Bildformat». Probiert man es drei Minuten später, klappt’s einwandfrei.

Beim Export vom Word Pro- ins Microsoft-Dateiformat spielt einem Word Pro einen üblen Streich – es definiert die Seitengrösse nicht: Winword beginnt nach jeder Zeile eine neue Seite. Nur das Kopieren des ganzen Textes und einfügen in ein leeres Dokument schafft Abhilfe.

Verschiedene Versionen in einer Datei – Teamfunktionen

Eine Exklusivität von Lotus ist die Möglichkeit, verschiedene Versionen eines Dokuments in einer Datei zu speichern. Dies ist besonders dann hilfreich, wenn mehrere Personen an einem Text arbeiten. Konsequenterweise unterstützt das Programm die Teamarbeit in weit grösserem Mass als dies die «Überarbeiten»-Funktion von Word für Windows kann.

Für die Abwicklung der Teamarbeit ist der Teambearbeitungs-Assistent zur Verfügung. Hier wird festgelegt, wer welche Bearbeitungsrechte am aktuellen Dokument hat. Die Funktion Teamkonsolidierung fügt die verschiedenen Versionen des Dokuments zusammen und ermöglicht die Bereinigung des gemeinsamen Werks. Es können dabei – anders als in Winword – auch mehr als zwei Versionen eines Textes gleichzeitig konsolidiert werden. Wieweit sich diese Funktion im Alltag bewährt, konnte ich selbst nicht näher untersuchen – Teams, die oft zusammen an denselben Texten schreiben, sollten sich Word Pro aber auf jeden Fall näher ansehen!

Rechtschreibetools und Grammatikprüfung

Die Rechtschreibekontrolle besteht nun nicht mehr darauf, in einem Durchgang erledigt zu werden. Einmal gestartet, unterlegt der Spellchecker (vermeintlich) falschgeschriebenen Worte farbig, so dass sie sofort oder auch erst später korrigiert werden können. Erst die 32 Bit-Version von Winword bietet ähnlich viel Luxus. Um gleich bei den Rechtschreibetools zu bleiben: Lotus Word Pro enthält eine Grammatikkontrolle für die deutsche Sprache. Eine solche hat Winword 6.0 nicht vorzuweisen – ob das allerdings ein grosser Verlust ist, kann bezweifelt werden. Lotus Word Pro ist in alle Fallen, die ich ihm gestellt habe, arglos hineingelaufen. Die Grammatikprüfung bestand dafür in impertinenter Ausdauer darauf, den Namen des Konkurrenten als «WinWord» zu buchstabieren; ich hatte jeweils auf das grosse W in der Mitte des Wortes verzichtet.

Was bei Winword Autokorrektur heisst, nennt man bei Lotus SmartCorrect, erfüllt aber dieselbe Aufgabe. Mit einem Plus zum Microsoft-Texters: Die Sprache lässt sich einstellen, damit «its» nur in einem deutschen Text zu «ist» wird, bei einer englischen Arbeit dagegen zu «it’s».

Anpassungsfähigkeit

Sowohl Winword als verfügen über eine Makrosprache. Im Rahmen dieses Vergleichs ist es nicht möglich, die Leistungsfähigkeit der beiden Sprachen eingehender zu testen, einfache Automatisierung lässt sich jedoch mit beiden bewältigen.

Winword ist in der Anpassung an den individuellen Geschmack eindeutig flexibler: Die Menüs von Word Pro lassen sich nicht «umbauen», ausserdem ist es nicht möglich, neue Tastenkombinationen – beispielsweise für ein Makro, eine Schriftart oder ein Druckformat zu vergeben. Hier ist eindeutig Winword vorzuziehen. Leider hält sich Word Pro beim Markieren mittels Tasten nicht an die Konventionen: Mit der Shift- und Controltaste und den Pfeiltasten lassen sich normalerweise ganze Worte markieren, Word Pro dagegen markiert mit Shift- und Pfeiltasten zuerst einzelne Buchstaben, und, nachdem man dem ersten Leerschlag begegnet ist, Wörter als ganzes. Dieses Verhalten beim Markieren irritiert.

Dateigrössen

Es ist feststellbar, dass Lotus Word Pro beinahe immer kleinere Dateien produziert, und bis zu 40 Prozent weniger Festplattenspeicher belegt. Dies ist erfreulich, denn die Schamlosigkeit, mit der Winword die Harddisk in Beschlag nimmt, ist schon erstaunlich. Das es auch anders geht, zeigt Word Pro.

Hilfe

Beide Kandidaten verfügen über umfangreiche Online-Hilfe. Wie in Winword Version 7 gibt es bei Word Pro die Möglichkeit, Probleme selbst zu formulieren. Die Funktion heisst «Frage an den Experten», und soll dem Anwender die Frage abnehmen, in welchem Bereich sein Problem denn nun angesiedelt ist. Ausserdem gibt’s bei Lotus eine sogenannte Tour, die Wissenswertes zu neun Themenbereichen bereithält, doch mehr als die absoluten Basics haben diese «Screen Cam»-Movies nicht zu bieten. Ist bei Winword der «Tips & Tricks-Assistent» aktiv, dann gibt dieser gelegentlich Ratschläge zum Besten – wie hilfreich die sind, zeigt wohl nur der Selbstversuch.

Fazit

Word Pro ist eine ausgereifte Textverarbeitung, die sich in alltäglichen Arbeiten bewährt. Bei der Programmkonzeption hat man sich im Hause Lotus einiges einfallen lassen, der Aufbau der Textverarbeitung ermöglicht schnelles Arbeiten. Die «InfoBoxen» sind leistungsfähig, und auch die anderen Neuerungen in der Bedienerführung gefallen. Gruppenarbeiter werden die Team-Bearbeitung und das Handling mehrerer Versionen eines Texts in einer Datei zu schätzen wissen, Internet-Surfer die Unterstützung des HTML-Formats durch Word Pro. In Sachen Bedienungskomfort, und -freundlichkeit, Hilfestellung und Anpassungsfähigkeit hat dagegen der Klassiker von Microsoft die Nase vorn. Und in der Arbeitsgeschwindigkeit ist Winword eindeutig überlegen.

Interaktives Korrigieren und Suchen-Ersetzen in Lotus Pro: Keine Dialogboxen mehr, sondern eine Art Funktionsleiste. In Word Pro können so verschiedene Vorgänge problemlos parallel betrieben werden – in Winword unmöglich.

Ein Highlight von Lotus Word Pro: Mehrere Ansichten desselben Dokuments sind beliebig kombinierbar. Hier: Links die Normalansicht, rechts oben die Lotus-Gliederungsansicht, rechts unten das ganze Dokument im Überblick

Ausserdem sichtbar: Die «Infobox für Text»

Die Gliederunsansicht von Microsoft Winword hat kein Äquivalent bei der Konkurrenz. Die Rechtschreibekorrektur mittels Wellenlinien ist abschaltbar – zum Glück!

Quelle: Badener Tagblatt, Freitag, 5. Juli 1996

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Thema: Computer
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