Ellikon an der Thur: EVP besichtigt die Forel-Klinik

Droge der Angepassten

Alle reden von den Junkies am Letten. Von einer anderen – legalen – Drogensucht sind allerdings weit mehr Leute betroffen – in der Schweiz sind es etwa sieben Prozent der Bevölkerung. Ein Besuch der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur, organisiert von der Bezirkspartei Winterthur der EVP, soll an die Alkoholabhängigen erinnern.

(msc) «Alkohol ist schlimmer als reines Heroin», sagt Psychologe Roland Augstburger, welcher in der Forel Klinik Suchtkranke therapiert. «Bei den harten Drogen sind es die Begleitumstände der Sucht, an denen die Konsumenten sterben. Alkohol dagegen tötet selber». In der Schweiz sind etwa sieben Prozent alkoholabhängig, sie trinken die Hälfte allen Alkohols, welcher in der Schweiz verkauft wird. 13 Prozent der 14 bis 74jährigen, welche in der Statistik erfasst sind, sind dagegen vollständig abstinent, und vier Fünftel der Bevölkerung zählen zu mässigen Trinkern, sie konsumieren die anderen 50 Prozent des Alkohols.

1½ Promille

Ein Trinker, stellt sich Otto Normalverbraucher vor, ist einer, der sich bei Gelegenheit mit mindestens einer Flasche Schnaps bis zum totalen Blackout betrinkt. Diese Verhaltensweise gibt es, die davon betroffen werden in der Medizin «Intoxikations-Trinker» genannt. Weniger auffällig dagegen ist der «Pegeltrinker», er trinkt beinahe rund um die Uhr, aber nie so viel, dass er sichtbar betrunken wäre. Überall hat er seine Flaschen versteckt, im Büro im Schreibtisch, zuhause im Hobbykeller, im Schlafzimmer und auf dem WC. «Diese Menschen funktionieren mit Eineinhalb Promille im Blut annähernd normal ohne Alkohol dagegen haben sie starke körperliche Entzugserscheinungen», erklärt Roland Augstburger. Es ist dann oft der Hausarzt, welchem die Alkoholsucht auffällt, weil Leber und Magen angegriffen sind – die Betroffenen dagegen sind oft fest davon überzeugt, dass sie keine Probleme mit Alkohol hätten – sie seien ja nie betrunken.

In der Forel-Klinik wird Alkoholismus medizinisch definiert: Wer körperlich abhängig ist, kann aufgenommen werden. Augstburger bestätigt aber, dass man vor einer körperlichen eine psychische Abhängigkeit entwickelt: «Die Faustregel ist – kann man vierzehn Tage oder einen Monat ohne auskommen?» Es braucht sich dabei nicht um Alkohol zu handeln, auch Kaffee, Schokolade, Zigaretten oder Fernsehen kann zur Sucht werden.

«Zu viel Kontrolle»

In der Forel-Klinik müssen die Suchtkranken dann lernen, mit ihrem Leben zurecht zu kommen nicht etwa der Entzug sei das Ziel, dieser werde unter medizinischer Aufsicht in einem Spital durchgeführt, bemerkt Augstburger. «Alkoholiker sind Menschen, die in zweierlei Hinsicht zu viel schlucken: Einerseits zuviel Ärger, Frust und Ungerechtigkeiten, andererseits eben zu viel Alkohol.» Es seien die überangepassten, die «zu lieben» Menschen, die ihr Leben nüchtern nicht aushielten und deshalb zur Flasche oder zur Medikamentenpackung griffen. Während Männer nämlich die Flucht im Alkohol suchen, werden Frauen oft abhängig von Medikamenten – auch sie können in Ellikon therapiert werden.

In einer Therapie, welche je nach Schwere der Krankheit zwei bis acht Wochen, 12 Wochen oder vier bis sechs Monate dauert, sollen die Patienten lernen, mit ihrem Leben klarzukommen, Mittel dazu sind die Psychotherapie einzeln und in Gruppe, die Mal und Gestaltungstherapie und die Bewegungstherapie. Bei der Langzeitbehandlung kommt eine Arbeitstherapie dazu, welche die angegriffene Konzentrationsfähigkeit wieder herstellen soll; Jugendliche haben zudem die Möglichkeit, eine Anlehre zu machen. Für die Familienangehörigen werden Familiengespräche angeboten, denn die Ehefrauen müssten sich zuhause während der Abwesenheit des Mannes weiterhin mit dem Haushalt, Schulden und den Nachbarn herumschlagen, und müssten sich auch mal aussprechen können, sagt Augstburger.

Betreut werden die etwa 80 Bewohner der Forel-Klinik in Zehnergruppen von je einem Therapeuten und einer Therapeutin. Es herrschte ein sehr gutes Klima unter denen, die in Ellikon arbeiteten», sagt Augstburger: «Ich arbeite seit acht Jahren hier und habe jedenfalls kein ‹Burn-out-Syndrom›.

Quelle: Der Landbote, Montag, 21. November 1994

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Thema: Forel-Klinik/Alkohol
Nr: 71
Ausgabe: 94-272
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