Adlikon: Staatsbürgerkurs der Volkshochschule des Kantons Zürich zum Thema: «Neue Formen der Entwicklungszusammenarbeit»
Gute Zusammenarbeit zwischen Bund und Privaten
In der Schweiz betreiben sowohl der Bund wie auch private Gruppen Entwicklungshilfe. Am Staatsbürgerkurs in Adlikon zum Thema «Neue Formen der Entwicklungszusammenarbeit» waren beide Seiten vertreten: Das Bundesamt für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe und «Helvetas» als private Organisation. Die Zusammenarbeit zwischen Bund und Privaten klappe gut, so war man sich einig; die Privaten wünschen sich indes eine klarer definierte Rollenverteilung und mehr Mitsprache.
(msc) Am dritten von vier Staatsbürgerkursen, die von der Volkshochschule des Kantons Zürich wöchentlich in Adlikon abgehalten werden, war die Entwicklungshilfe das Thema. Als Repräsentant des Bundes sprach Botschafter Walter Fust, der Direktor des Amtes für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe; er stellte die aktuellen Zahlen über das Bevölkerungswachstum an den Anfang seines Vortrags: Jede Sekunde gebe es drei Menschen mehr auf der Erde, das mache pro Jahr ein Bevölkerungswachstum von 97 Millionen Menschen. Doch hauptsächlich in den Entwicklungsländern wächst die Bevölkerung – waren 1983 75 Prozent der Erdbevölkerung Bürger der dritten Welt, werden es 2020 83 Prozent sein. Auch die Zahl der Leute, die unter der Armutsgrenze leben, wächst. Von 500 Millionen Menschen 1980 auf eine Milliarde zehn Jahre später. Seit dreissig Jahren betreibt der Bund Entwicklungshilfe, zuvor hatten diese Aufgabe hauptsächlich Missionare innegehabt. Einerseits, so sagte Fust der – nur spärlich erschienenen Zuhörerschaft – aus dem Gefühl der Solidarität, andererseits aber auch aus Eigennutz, weil die Schweiz ein stark vom Export abhängiges Land sei, aber auch um Folgeerscheinungen des Nord-Südgefälles, beispielsweise Emigration zu verhindern.
Nicht einfach Finanzhilfe
Die Arbeit des Bundesamtes für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe, welches dem EDA unterstellt ist, gliedert sich in zwei Bereiche: die «humanitäre Hilfe», also Überlebenssicherung in konkreten Notsituationen. Dafür werden jährlich 250 Millionen Franken ausgegeben, überwiegend an das IKRK, an das Katastrophenhilfskorps und an private Organisationen. Die langfristige Aufbauarbeit, die «Entwicklungszusammenarbeit» schlägt mit jährlich 750 Millionen Franken zu Buch und umfasst den multilateralen Bereich, Unterstützung an Weltbank, UNO und Kinderhilfswerke und den bilateralen Bereich, also konkrete Projekte in Schwerpunktländern. Die Entwicklungshilfe, so konkretisiert Botschafter Fust, soll nicht einfach eine Finanzspritze, sondern hauptsächlich Hilfe zur Selbsthilfe sein und Kräfte im entsprechenden Land mobilisieren. Es solle in erster Linie die wirtschaftliche und staatliche Eigenständigkeit gefördert werden, und nicht neue Abhängigkeiten geschaffen werden. Projekte würden deshalb primär in ländlichen Gebieten durchgeführt; unterstützt würden dabei vorab die Kleinbauern, das Handwerk und das örtliche Kleingewerbe – mit dem Ziel, Arbeitsplätze zu schaffen und die Ernährungslage zu verbessern. Partner dabei sind je länger je weniger staatliche Institutionen, dafür aber private Organisationen, im Sinne des Partnerschaftsprinzips kommen Experten nicht aus der Schweiz, sondern werden heute wenn immer möglich vor Ort rekrutiert.
Werner Külling, der Geschäftsleiter von «Helvetas», vertrat die Seite der privaten Hilfsorganisationen – von diesen gibt es etwa 200 in der Schweiz, sie zusammen setzten 1992 236 Millionen Franken für die Entwicklungshilfe ein. Auch Külling nannte als Ziel seiner Organisation die Verbesserung der Lebensqualität vor Ort durch Selbst und Mitbestimmung, eine Gewährleistung der Grundversorgung und die Sicherstellung einer intakten Umwelt. Er betonte als wichtigen Aspekt neben der Hilfe vor Ort die Arbeit im eigenen Land, die öffentliche Arbeit, das Wecken eines Problembewusstseins und der notwendigen Solidarität, und überdies die politische Arbeit: Lobbying, Mitgestaltung der Entwicklungshilfe als Vertreter der Bürger, und Mittragen von Volksbegehren, wie zum Beispiel die Initiative zum Währungsbank-Beitritt (Bretton-Wood).
Werner Külling lobte die Zusammenarbeit zwischen Bund und Privaten, wünschte sich aber eine bessere Rollenverteilung. Die privaten Hilfsorganisationen seien gerne bereit, loyale Partner zu sein, die unter der Regie des Amtes für Entwicklungszusammenarbeit Projekte unbürokratisch und effizient durchführten, doch wünschten sie sich auch ein Recht für Kritik und Mitbestimmung.
In der abschliessenden Diskussionsrunde konnten die beiden Referenten das Theoriegerüst mit konkreten Projektschilderungen veranschaulichen.
Ein Anwesender fragte nach dem Spendefluss während der zurückliegenden Rezessionsjahre. Erstaunlicherweise konnte der «Helvetas»-Direktor für das Rezessionsjahr 1993 einen Anstieg der Spenden von 17 Prozent melden: «Wahrscheinlich», so vermutete Külling, «sind die Menschen einfach solidarischer, wenn es ihnen selbst nicht so gut geht.

