Ungarn zwischen Ost und West – zwischen Vergangenheit und Zukunft

Nach den zwei Wochen der Schülerbegegnung Szeged–Winterthur hier in der Schweiz können die 80 Teilnehmer eine positive Bilanz ziehen. Was meinen die Ungarn, insbesonders die zwei Deutschlehrerinnen Magdolna Fulek und Edit Jonyer zu den Erfahrungen, welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

«Die Landschaft und die ruhige Lebensweise der Leute haben uns begeistert; sie haben schöne Wohnungen und können sich mit einem durchschnittlichen Lohn einen hohen Lebensstandard leisten». Dies ist wohl der Haupteindruck, den die 39 ungarischen Schüler und Lehrer mit nach Hause nehmen. Doch wie haben sie die in der Schweiz real existierende Marktwirtschaft erlebt, kann unser Wirtschaftssystem ein Vorbild für das Ungarische sein?

Die Antwort darauf lautet eindeutig Ja. Qualifizierte Leute zum Beispiel arbeiteten heute den ganzen Tag hart, müssten deshalb die Familie vernachlässigen und könnten doch nicht so gut leben wie sie wollten. Sprachlehrerin Edit Jonyer: «Ich mache alles für ein höheres Lebensniveau!» Der Kapitalismus wird quasi mit offenen Armen empfangen, auch wenn die negative Kehrseite dieser glänzenden Medaille ebenfalls inbegriffen ist. Die Aussicht auf mögliche Karrieren und eigene Entscheidungsfreiheiten gibt den drei ungarischen Lehrerinnen die Entschlossenheit, sich den durch den Wechsel von Plan- zu Marktwirtschaft ergebenden Problemen zu stellen. Ungarn soll zu Europa und zur EG gehören.

Ein Problem, das dieses Europa beschäftigen wird, ist die Umweltverschmutzung. Hier haben die ungarischen Lehrer erkannt, dass sich dieses Problem nur durch gemeinsames Zusammenwirken der einzelnen Länder lösen lässt. Hier sehen die Lehrer der Körösy-Fachschule konkret ihre Aufgabe, Verständnis für die Umweltprobleme zu wecken. Doch dieses Verständnis entsteht nicht von einem Tag auf den nächsten und deshalb könnte es sein, dass die Chance verpasst wird, den Umweltschutzgedanken von Anfang an bei dem Aufbau des neuen Wirtschaftssystems zu berücksichtigen. Denn die Ungarn betrachten den Umweltschutz als Luxus, den sich nur ein reiches Land wie die Schweiz leisten kann. Hoffentlich konnte die Schülerbegegnung trotzdem einen Denkanstoss bieten, so dass die in Ungarn bereits existierenden Umweltschutzorganisationen an Bedeutung gewinnen konnten.

Nachgehackt: Kann die Erfahrung von 40 Jahren Kommunismus nicht ein Vorteil sein, eine Erfahrung, die die Schweiz nicht gemacht hat. Magdolna Fuleki: «40 Jahre lang kam alles vom Osten, jetzt kommt alles vom Westen. Es ist sehr wichtig, dass wir unsere Identität finden, eine eigene Identität zwischen Ost und West. Das ist ein wichtiges Thema in den ungarischen Zeitungen momentan.»

Die konkreten Auswirkungen der Schülerbewegung auf die Stundenpläne der Ungarn: Der Sprachunterricht soll stark forciert werden, ausserdem soll es Unterricht in deutscher oder englischer Sprache in Wirtschaftsfächern geben. Ein weniger konkretes Ziel: Die Schüler müssen lernen, mit der neuen Freiheit umzugehen, die Möglichkeiten der Demokratie auch zu nützen.

Text: Matthias Schüssler

Fotos: Sabine Schuler

Quelle: Andelfinger Zeitung, Mittwoch, 17. Oktober 1990

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Thema: Schülerbegegnung Schweiz–Ungarn
Nr: 17
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